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750
Jahre Franziskaner-Minoriten in
Würzburg
Von
P. Bernward Bauer OFM Conv.
1.
Gründungszeit bis 1249
Erfahrungsgemäß
wird nur derjenige die Zukunft meistern, der die Werte und die
Gesetze der Vergangenheit kennt, kritisch prüft und daraus seine
Lehren zieht. Anlässlich des 750-jährigen Jubiläums
der Niederlassung der Minderbrüder in Würzburg ist eine
Rückschau und dankbare Besinnung angebracht, auch wenn unsere
Blickrichtung vorwiegend in die Zukunft geht. Noch heute, im
ausgehenden 20. Jahrhundert, dürfen wir froh und dankbar
anerkennen, dass die franziskanische Bewegung auf die äußere
und innere Erneuerung der Kirche mitprägend und mitgestaltend
gewirkt und auch dem kirchlichen Leben in der Frankenmetropole
Würzburg befruchtende Anregung gegeben hat. Zugleich ist die
leider nur lückenhaft erforschte Geschichte des Würzburger
Franziskanerklosters mit ihrem Auf und Ab ein Spiegelbild dessen, was
sich an Aufbau, Fortentwicklung, Prüfung und Neubeginn ganz
allgemein im kirchlichen Leben der Stadt und auch der deutschen
Diözesen im Laufe der Jahrhunderte vollzogen hat.
Die
Gründung des Minderbrüderordens des hl. Franziskus und auch
die Ankunft seiner Brüder in Würzburg fällt in eine
Zeit sozialer Umwälzung und religiöser Gärung.
Andererseits ist sie gekennzeichnet durch die zu Ende gehende
Naturalwirtschaft mit dem Umtausch von Ware gegen Ware. Die einfache
Lebensführung und die Bedürfnislosigkeit wurden gerade in
den Städten um das Jahr 1200 von der nun allenthalben
aufkommenden Geldwirtschaft und dem aufblühenden Handel
verdrängt. In den Verkehrs- und Handelsmittelpunkten, zu denen
auch die Bischofsstadt Würzburg gehörte, trat eine geradezu
revolutionäre Entwicklung des Wirtschaftslebens ein. Mit
fieberhafter, rücksichtsloser Erwerbssucht wurde das Geld als
Grundlage des beginnenden Kapitalismus und der Kreditwirtschaft und
zugleich als neuer Wertmaßstab angesehen. In diese Zeit des
beginnenden 13. Jahrhunderts fallen die Auseinandersetzungen zwischen
Kaiser und Papst, die Ansätze zu neuen Kreuzzügen zur
Befreiung der heiligen Stätten in Palästina, die
Privatkriege und Fehden einzelner Fürsten und Landesherren
untereinander und gegeneinander. Je wilder sich jedoch die Ichsucht,
die Geldgier und Streitlust gebärdeten, umso mehr erfüllte
eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Selbstentäußerung
und duldender Liebe die Gemüter der Edelgesinnten.
In
dieser Übergangszeit zu neuen Formen menschlichen Umgangs und zu
neuen geistigen, politischen Gestaltungen wurde der Wunsch zum
Einfachen, Schlichten, zur Anspruchslosigkeit und Verinnerlichung des
religiösen Lebens dringend und lauter geäußert. Die
kirchlichen Stiftungen und Pfründestellen waren im Laufe der
Zeit sehr zahlreich geworden. Der gesunde Sinn aller kirchlichen
Reformkräfte sah in dem großen Reichtum und in der
weltlichen Macht der Kirche eine ernste Gefahr, welche dann auch
manche unüberlegte Schwärmer und Fanatiker in blindem
Reformeifer heraufbeschworen, indem sie die Autorität der Kirche
selbst gefährdeten.
In
einer solchen Epoche des Umbruchs gründete der hl. Franz von
Assisi, der Sohn eines italienischen Großkaufmanns, seine
Brüderschaft von der Buße. Als sich seine Zeit mit dem
Kapitalismus auf Gedeih und Verderb verband, vermählte er sich
mit seiner Braut, der Armut. Dieser Orden der Minderen Brüder,
den Franziskus im Jahre 1209/10 von Innozenz III. mündlich
bestätigen ließ, sollte seine Mitglieder im Geiste des
Evangeliums, im Geiste der Gottes- und Nächstenliebe, zu Demut
und Buße, zur evangelischen Armut und Treue zur Kirche, zu
echter Brüderlichkeit und zu Friedensboten für ihre Sendung
in die Welt ausrüsten und befähigen. Der Gründer griff
den Missionsgedanken und die Missionierung der islamischen Gebiete
wieder auf. Im Jahre 1217 überschritt der Orden bereits die
Grenzen Italiens.
Auf
dem Pfingstkapitel 1219 wurden die ersten Minderbrüder unter
Führung des Bruders Johannes von Penna nach Deutschland gesandt,
die freilich wegen der Unkenntnis der deutschen Sprache
unverrichteter Dinge wieder nach Italien zurückkehren mussten,
nachdem sie mancherlei Misshandlungen erlitten hatten. Auf dem großen
Generalkapitel des Jahres 1221 wurde aber ein neuer Start nach
Deutschland gewagt. Unter den vielen Freiwilligen wurden 12 Kleriker
und Priester und 13 Laienbrüder ausgewählt, die unter dem
Deutschen Cäsar von Speyer und dem sprachkundigen Barnabas am
29. September 1221 von Trient aus den Marsch über die Alpen nach
Deutschland antraten. Etwa um das Fest des hl. Gallus (16. Oktober)
trafen sie, wie zuvor vereinbart, in Augsburg zusammen, wo in
Anwesenheit von 31 Brüdern das erste Kapitel auf deutschem Boden
abgehalten wurde. Von da aus schickte Bruder Cäsar, der erste
Provinzial, Brüder nach verschiedenen Richtungen, wie z. B. nach
Regensburg und Salzburg. Die beiden sprachgewandten Brüder
Johannes von Piano de Carpine und Barnabas schickte er aus nicht
näher angegebenen Gründen eiligst als Prediger und
Quartiermacher nach Würzburg voraus, wo sie wohl Ende Oktober
oder Anfang November 1221 ankamen. Bruder Cäsar selbst traf dem
Bericht der Chronik zufolge mit der Hauptgruppe der Brüder erst
einige Tage später in der Bischofsstadt ein.
Der
dortige Bischof Otto von Lobdeburg (1207-1223) nahm die ersten
Minderbrüder wohlwollend auf und wies ihnen als vorläufige
Niederlassung die St. Bartholomäusklause an, die an der Stelle
des heutigen Priesterseminars oder der St. Michaelskirche,
unmittelbar an der damaligen Stadtgrenze lag. Schon am Feste des hl.
Andreas (30. November) wurden drei Würzburger in den Orden
aufgenommen und eingekleidet. Der Chronist Jordan von Giano berichtet
darüber: Bruder Cäsar „nahm dort einen begabten und
gebildeten jungen Mann mit Namen Hartmuth in den Orden auf. Die
Italiener konnten seinen Namen nicht aussprechen und nannten ihn
Andreas, weil er am Festtag des seligen Andreas (30. November) in den
Orden aufgenommen wurde. In kurzer Zeit wurde er Priester und
Prediger und wurde später zum Kustos von Sachsen bestimmt.
Ebenfalls nahm Bruder Cäsar einen Laien namens Rüdiger auf,
der später zum Guardian von Halberstadt gemacht wurde und die
selige Elisabeth als Lehrer in der geistlichen Wissenschaft
unterwies, Keuschheit, Demut und Geduld zu bewahren, im Gebet zu
verharren und in Werken der Barmherzigkeit sich abzumühen.
Außerdem nahm er auch einen Laien namens Rudolf auf“.
Nach
der Gründung der Niederlassung in Würzburg wanderte die
Mehrzahl der Minderbrüder mainabwärts und gelangte nach
Mainz. Von hier aus erfolgte dann noch im Jahre 1221 die Gründung
der Konvente Worms und Speyer, während die Errichtung der
Ordensniederlassungen in Straßburg, Köln und Hagenau im
Elsass bereits in das Jahr 1222 fällt. Von dem bedeutsamen
Kloster in Straßburg erhielt später die oberdeutsche
Ordensprovinz auch den Namen „Straßburger Provinz“.
Im
Jahre 1222 hatte der damalige Provinzial Bruder Cäsar von Speyer
bereits so viele deutsche Brüder, Kleriker und Laien, in den
Orden aufgenommen, dass er in Worms das erste deutsche Provinzkapitel
abhalten konnte. Danach kehrte Bruder Cäsar nach Italien zurück,
wurde auf dem Generalkapitel in Portiunkula auf eigenen Wunsch als
Provinzial abgelöst und durch Bruder Albert von Pisa ersetzt.
Dieser berief im folgenden Jahr 1223 das zweite Provinzkapitel auf
Mariä Geburt nach Speyer ein. Auf diesem Kapitel beriet man
insbesondere über die Lage und die weitere Verbreitung des
Ordens. Es wurden hier für vier abgegrenzte Gebiete Kustoden
bestimmt. Das nächste dritte Provinzkapitel fand im Jahre 1224
in Würzburg auf das Fest Mariä Himmelfahrt statt zu dem die
Kustoden, Guardiane und Prediger berufen wurden. Da der Orden im
Elsass, in Sachsen, Braunschweig und im Rheinland weitere
Fortschritte erzielt hatte, wurden unter Führung des Mainzer
Guardians Jordan von Giano sieben Brüder nach Thüringen
gesandt, um dort geeignete Niederlassungen zu gründen. Unter den
ausgesandten Brüdern befanden sich der Chronik des Bruders
Jordan von Giano zufolge auch zwei Brüder aus Würzburg
namens Konrad, Subdiakon und Novize, sowie der Klerikernovize Arnold.
In
den darauf folgenden Jahren wurde die deutsche Ordensprovinz infolge
des raschen Zuwachses neu gegliedert. Bei der letzten Aufteilung der
weit ausgedehnten Provinz in eine Oberdeutsche oder Straßburger
und in eine Niederdeutsche oder Kölnische Ordensprovinz, die
nach dem Stand der neuesten Forschungen zwischen den Jahren 1246 und
1264 erfolgte, kam die Würzburger Niederlassung zur
Oberdeutschen Provinz.
2. Die Seelsorge der
Franziskaner nach ihrer Übersiedlung
Über
das Leben und Wirken der Minderbrüder an ihrem ersten Wohnsitz
liegen so gut wie keine Nachrichten vor. Lediglich aus der Urkunde
vom 13. November 1245 ist ihre besondere Verbundenheit mit dem armen
Volk und den Leprosen zu ersehen. Infolge des starken Anwachsens der
Brüderschaft erwies sich die bisherige Unterkunft sowie das
Oratorium bald als viel zu klein. Nur so lässt sich erklären,
dass sie nach etwa 28 Jahren aufgrund der beengten Wohnverhältnisse
gezwungen waren, sich eine bessere und geräumigere Wohnung zu
suchen. Bischof Hermann I. von Lobdeburg (1225-1254), der ihnen
zeitlebens sein besonderes Wohlwollen schenkte, genehmigte laut
Urkunde vom 27. November 1249 den Minderbrüdern, die „mehrere
Jahre unter vielen Unbequemlichkeiten und nicht zu sagenden
Beschwernissen zu leiden hatten wegen der Beschränktheit und
Ungeeignetheit ihres bisherigen Aufenthaltsortes“ die Übersiedlung
an den neuen Platz unmittelbar neben der bereits bestehenden
Valentinuskapelle. Außerdem kaufte er für sie mehrere Höfe
und Grundstücke in der nächsten Umgebung und schenkte sie
den Brüdern zum Bau eines neuen Klosters und einer Kirche. Die
bisherige alte Niederlassung bei der St. Bartholomäusklause
überließ er im Februar 1250 ehemaligen Beginen, welche
zunächst auf die Regel des hl. Augustinus verpflichtet waren.
Nachdem diese innerhalb kurzer Zeit - wohl auf Drängen der
Minoriten - die Klarissenregel angenommen hatten, erhielt diese alte
Niederlassung den Namen St. Agnes bzw. Agnetenkloster. Es wurde bis
zu seinem allmählichen Aussterben im Gefolge der Reformation von
den Minoriten seelsorglich betreut.
Der
Baubeginn der groß angelegten Franziskanerkirche, direkt neben
der alten Valentinuskapelle, dürfte wohl noch im Jahre 1249
stattgefunden haben. Diese Annahme stützt sich auf eine
Inschrift, die sich lange Zeit im Chorraum der Kirche befand. Sie
lautete: „Bischof Hermann von Lobdeburg eröffnete für den
Orden des hl. Franziskus diese Kirche im Jahre 1249 und fügte
ein größeres Gelände hinzu“. Unter „Eröffnung“
kann wohl nur die Grundsteinlegung gemeint sein, da nach einer
anderen, allerdings unsicheren Nachricht, für die Fertigstellung
der Kirche bzw. des Chores das Jahr 1254 angegeben wird.
Die
Kirche wurde als dreischiffige Basilika in sehr einfachem
frühgotischem Stil, dem so genannten „Minoritenstil“ erbaut.
Das dreiteilige Kirchenschiff war ursprünglich mit einer flachen
Holzdecke versehen. Auch das Kirchendach, das von zehn wuchtigen
runden Säulen getragen wurde, war dreiteilig. Der bereits von
Anfang an eingewölbte Chor der Kirche fällt durch seine
ungewöhnliche Länge auf, die zwei Drittel der Gesamtlänge
des Kirchenschiffes beträgt. Nach den Bestimmungen des Ordens
sollte er nicht nur für die Abhaltung des gemeinsamen
Chorgebetes, sondern auch für den Gottesdienst der klösterlichen
Kommunität dienen. Zwischen dem Chorraum und dem Kirchenschiff
befand sich einige Jahrhunderte hindurch der so genannte „Lettner“,
der die ganze Breite des Chores einnahm. Von einer Chororgel, die auf
dem breiten Lettner aufgestellt war, erfahren wir erst im Jahre 1483.
Der Hochaltar für den Gottesdienst des Volkes stand zuerst vor
der Chorwand des Lettners, wie er noch in der ehemaligen
Minoritenkirche zu Rothenburg ob der Tauber erhalten ist. Im
Mauerwerk zwischen Haupt- und Seitenschiffen sicherten beiderseits je
sechs Rosettenfenster eine günstige Oberbeleuchtung. An der
Westfront befand sich das noch erhaltene große, viergeteilte
Fenster, das bis zur Decke reichte. Die Fenster der Seitenschiffe und
im Chorraum sowie ein dreigeteiltes Fenster an der Ostfront waren
niedriger. Die Südostecke des Chores zierte ein Türmchen
mit einer Glocke.
Gleichzeitig
mit dem Kirchenbau wurde auch das Konventsgebäude mit Erdgeschoß
und einem darüber liegenden Stockwerk errichtet. Zusammen mit
der Südseite der Kirche und der sich nach Osten anschließenden
Valentinuskapelle bildeten der Ost-, Süd- und Westflügel
des Konventsgebäudes ein Viereck. Ein Kreuzgang, der den
Innengarten umschloss, führte in einfachem gotischem Stil um die
drei Klosterflügel und um die Südseite der Kirche herum. Er
war ursprünglich weder eingewölbt noch irgendwie überbaut
von Klosterräumen.
Noch
heute sind wir erstaunt, in welch kurzer Zeit die Minderbrüder
den Bau der neuen Kirche und ihres Klosters ermöglichen konnten.
Die außergewöhnliche Verbundenheit mit allen Schichten des
Volkes kam ihnen dabei zugute. Abgesehen vom Erwerb einiger
Stiftungen und angrenzender Grundstücke, wie z. B. eines Teiles
des Schönthaler Hofes, zur Vergrößerung und Abrundung
des Geländes, hören wir bis zur Zeit unter Julius Echter
von Mespelbrunn von keinen größeren Baumaßnahmen des
Minoritenklosters Würzburg. In der neu errichteten Niederlassung
setzten nun die Minderbrüder mit großem Eifer ihre
seelsorgliche Tätigkeit in Stadt und Land während der
folgenden Jahrhunderte fort.
Die
volksnahe Seelsorgstätigkeit der Würzburger Minoriten,
denen einige Zeit später auch die Dominikaner, Augustiner und
Karmeliten folgten, erwies sich allenthalben als eine willkommene
Ergänzung und Bereicherung der Pfarrseelsorge, die bisher fast
ausschließlich von dem Amtsklerus ausgeübt wurde. Die
Bettelmönche, die als „Arme-Leut-Priester“ unter das breite
Volk kamen und auf dessen Mildtätigkeit angewiesen waren, übten
zudem einen wohltuenden Einfluss auf das kommunale Leben der Stadt
aus. In seltenem Vertrauen und Wohlwollen begegnete die Bevölkerung
der Bischofsstadt Würzburg und der Umgebung den Minderbrüdern,
die nach dem Vorbild ihres Ordensvaters auch die Pflege und Seelsorge
bei den Aussätzigen übernahmen. Leprosenhäuser gab es
damals in der Nähe fast aller Städte. Aber die leibliche
und geistige Betreuung der Aussätzigen ließ meistens sehr
zu wünschen übrig. So beauftragte der Papst Innozenz IV. in
einem Schreiben vom 13. November 1245 an den Kustos der Minderbrüder
in Würzburg den Bruder Ambrosius oder einen anderen Bruder mit
der Wahrnehmung der Leprosenseelsorge in der Diözese Würzburg.
Ferner wird im Jahre 1333 der Würzburger Minderbruder Werner von
Rothenburg als Prokurator des Siechenhauses Wöllrieder Hof
zwischen Würzburg und Rattendorf genannt.
Da
die Seelsorgsaufgaben und beiderseitigen Rechte des Welt- und
Ordensklerus damals noch nicht im heutigen Sinne abgegrenzt waren,
kam es bald infolge der vielfältigen Seelsorgstätigkeit der
Minoriten und der anderen Mendikantenklöster, die sich zudem auf
die zahlreichen Privilegien der ihnen wohlgesinnten Päpste
beriefen, zu mancherlei Reibereien und Zwistigkeiten mit dem
Würzburger Pfarrklerus. Dieser beklagte sich mehrfach wegen der
Übergriffe der Bettelmönche in die angestammten Pfarrechte
und wegen der Einbußen an Stolarien und Opfergaben beim Bischof
oder Papst.
Von
seinem schon frühzeitig erteilten Begräbnisrecht machte das
Würzburger Minoritenkloster reichlich Gebrauch. Während die
eigenen Konventsangehörigen meistens im Kreuzgang beigesetzt
wurden, waren Kirche und Friedhof auf der Nordseite der Kirche und
dem heutigen Franziskanerplatz eine beliebte Beerdigungsstätte
angesehener Würzburger Bürger, bedeutender Persönlichkeiten
und des fränkischen Adels. Einige wenige noch erhaltene
Grabdenkmäler und Grabplatten in der Kirche legen davon Zeugnis
ab.
Bis
zum Jahre 1804 blieben Kirche und Friedhof nördlich und östlich
der Kirche als Begräbnisstätte erhalten. Dann musste der
Friedhof einer Straßenerweiterung und der Anlage des
Franziskanerplatzes weichen.
Im
Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen des Pfarrklerus um die
Privilegien der Minderbrüder bestellten die Päpste im 13.,
14. und 15. Jahrhundert aus den deutschen Diözesanbischöfen
Konservatoren als „Wahrer und Hüter“ der Minderbrüderrechte
und zu deren Verteidigung. Gar manche Bischöfe betrachteten sich
als Konservatoren der Minderbrüder oder wurden auch als solche
ernannt. So finden wir nachweislich unter den Konservatoren die Namen
folgender Würzburger Bischöfe wie Gottfried von Hohenlohe,
Qtto von Wolfskeel, Albert von Hohenlohe, Gerhard von Schwarzburg,
Johann von Egloffstein und Johann von Grumbach.
Rückblickend
auf die seelsorgliche Tätigkeit, die Pflege von Gelehrsamkeit
und Wissenschaft während des 13. bis 16. Jahrhunderts muss vom
Würzburger Minoritenkloster erwähnt werden, dass es der
Diözese nicht nur Dombeichtväter, sondern auch einige
Weihbischöfe stellte. Von den Angehörigen des Würzburger
Klosters versahen unter anderem das Amt des Weihbischofs in der
Diözese Würzburg: Johann Opfinger, Titularbischof von
Hebron, gestorben am 22. Februar 1394; Hermann, Titularbischof von
Akkon, gestorben am 8. September 1450; Johannes Hutter,
Titularbischof von Nikopolis, gestorben am 25. Dezember 1478; Georg
Antworter, Titularbischof von Nikopolis, gestorben am 17. März
1499.
3. Stiftungen,
Bruderschaften und besondere Ereignisse
Zu
den ältesten Stiftungen, die der Franziskanerkirche im 14.
Jahrhundert zuteil. wurden, gehörte die Stiftung eines ewigen
Lichtes im Chor der Kirche und am St. Michaelsaltar.
Eine
Seelsorge besonderer Prägung übten die Würzburger
Minderbrüder in der Betreuung des Dritten Ordens des hl. Franz,
der Bruderschaften und Zünfte aus, die in der Klosterkirche
ihren Gottesdienst abhielten. Die älteste, urkundlich
nachgewiesene Bruderschaft war die zu Ehren des hl. Valentinus, die
im Jahre 1547 erloschen ist. Aus dem Jahre 1426 haben wir Nachricht
von der Zunft der Kesselschmiede, Drechsler, Wagner, Plattner
(Spengler) und Hufschmiede.
Unter
den vielen kirchlichen Feiern und Festtagen, welche die
Minoritenkirche zu Würzburg sah, sind die jährlichen
Ordensfeste des hl. Franziskus, des hl. Antonius von Padua und der
hl. Klara zu nennen.
Im
Jahre 1441 kam der berühmte Kardinal Nikolaus von Cues nach
Würzburg, um das Domkapitel für Papst Eugen IV. zu
gewinnen. Da dem Kardinal die Domkanzel verweigert wurde, predigte er
in der Franziskanerkirche. Als im Jahre 1454 der hl. Johannes
Kapistran, ein bekannter Kreuzzugsprediger und Vorkämpfer der
strengeren franziskanischen Richtung, im Auftrag des Papstes Nikolaus
V. den Kreuzzug gegen die Türken in Würzburg predigte,
wohnte er während seines Würzburger Aufenthaltes bei seinen
Mitbrüdern, die der milderen Richtung angehörten. Aus den
spärlich fließenden Nachrichten der damaligen Zeit geht
aber nicht hervor, ob sich der Heilige auch hier bemüht hat, den
Würzburger Konvent für die Observanten zu gewinnen.
Außer
dem schon erwähnten dritten Provinzkapitel im Jahre 1224 fanden
zu Würzburg weitere Provinzkapitel in den folgenden Jahren 1287,
1302,
1316,
1331, 1364 und 1407 statt.
Die
Reformation unter Martin Luther und die damit zusammenhängenden
Wirren scheinen zwar den Würzburger Konvent der Minoriten nicht
unmittelbar berührt zu haben. Aber die Zahl der
Klosterangehörigen wurde im 16. Jahrhundert immer kleiner, so
dass im Jahre 1559 drei Patres und etliche Jahre später nur mehr
zwei dem Würzburger Franziskanerkloster angehörten.
Während
des Bauernkrieges wurde das Kloster von den aufständischen
Bauern und von den gegen ihren Bischof revoltierenden Bürgern
Würzburgs besetzt und diente ihnen als Hauptquartier. Nach
Niederwerfung des Aufstandes stellte P. Guardian Blasius Kern, der
mit einem Mitbruder bei der bischöflichen Besatzung auf der
Marienfestung ausgehalten hatte, beim Fürstbischof Anspruch auf
Schadensersatz von mehreren hundert Gulden. Die Bürgerschaft der
Stadt musste denn auch allen verursachten Schaden im Kloster
bezahlen.
In
die Regierungszeit des Fürstbischofs Friedrich von Wirsberg
fällt der heimtückische Überfall des Wilhelm von
Grumbach und des Wilhelm von Altenstein auf die Stadt Würzburg,
der sich am Morgen des 3. Oktobers 1563 ereignete. Dabei wurden 16
Bürger auf der Straße getötet und infolge der
Ausschreitungen der plündernden Landsknechte in den Würzburger
Kirchen und Klöstern auch das Franziskanerkloster in
Mitleidenschaft gezogen. Die Opfer des Überfalls wurden auf dem
Friedhof bei der Franziskanerkirche beigesetzt. Das jährliche
Stiftungsamt für diese getöteten Bürger wird noch
heute bei den Minderbrüdern gehalten.
Fürstbischof
Friedrich von Wirsberg rief die Jesuiten nach Würzburg und
beauftragte im Jahre 1566 den hl. Petrus Canisius mit der Gründung
eines Kollegs, um dadurch das Bildungsniveau der Stadt und des
Herzogtums zu heben. Bei dieser Gelegenheit predigte der berühmte
Jesuit und zweite Apostel Deutschlands im Winter des Jahres 1566/67
öfter auf der Kanzel der Franziskanerkirche, indem er den
Erwachsenen den von ihm verfassten Katechismus auslegte.
Da
das Klarissenkloster St. Agnes dem Aussterben nahe war und auch trotz
Bemühungen des Guardians des Franziskanerklosters um Gewinnung
auswärtiger Schwestern nicht mehr erhalten werden konnte,
bestimmte der Fürstbischof dieses Agnetenkloster als
Kollegsgebäude. Die Minoriten hatten dort bisher die Seelsorge
ausgeübt und dafür jährliche Einkünfte bezogen.
Da nun diese wegen der Aufhebung des Agnetenklosters wegfielen, kam
es zwischen dem Fürstbischof und den Jesuiten einerseits und dem
Franziskanerkloster andererseits zu Auseinandersetzungen, die über
20 Jahre andauerten. Schließlich konnte die ganze Angelegenheit
doch unter dem Nachfolger Wirsbergs, dem Fürstbischof Julius
Echter von Mespelbrunn, zu einer befriedigenden Lösung mit einer
Abfindungsentschädigung für das Franziskanerkloster geführt
werden.
4. Äußerer
und innerer Aufbau unter Julius Echter von Mespelbrunn
Das
letzte Viertel des 16. Jahrhunderts ist in der Diözese Würzburg
und
im
Herzogtum Franken von der großen Persönlichkeit des
Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn (1573-1617) und von
seiner Reformtätigkeit gekennzeichnet. Seine Wirksamkeit als
Landesfürst und Bischof steht in enger Verbindung mit dem
Würzburger Franziskanerkloster. Darum soll die Reformtätigkeit
dieses verdienten fränkischen Bischofs ausführlicher
dargestellt werden; denn das Echter-Wappen mit den drei Ringen, das
an der Westwand und auf den Schlusssteinen des östlichen
Kreuzgangs, im Gewölbe der Valentinuskapelle und über dem
Pforteneingang des Franziskanerklosters die große Zerstörung
des Jahres 1945 überstanden hat, erinnert noch 350 Jahre nach
seinem Tod an die vielfältigen Beziehungen zu diesem Kloster.
Julius
Echter von Mespelbrunn gründete im Jahre 1579 bereits das
Juliusspital in Würzburg, für die damalige Zeit eine
vorbildliche, karitative und soziale Tat. Mit rühriger Tatkraft
und besonderer Sorgfalt widmete er sich dem Bau neuer und der
Renovierung und Erhaltung alter Kirchen im Frankenland. Als Schützer
und Wahrer katholischen Glaubens in seinem Herzogtum war er zugleich
auch einer der Mitbegründer der „Liga“, des katholischen
Fürstenbundes. Mit Hilfe der Jesuiten drängte er vor allem
in seinem Herrschaftsbereich den eingedrungenen Protestantismus
zurück und sorgte für eine tief greifende Bildungs- und
Glaubensreform bei Klerus und Volk. In diesem Zusammenhang sei
besonders an die Einführung der „Ewigen Anbetung“ erinnert.
Die
Gründung einer neuen Universität in Würzburg sollte
nicht nur das Bildungsniveau heben, sondern auch der Stadt Würzburg
mehr Bedeutung verleihen. Schon im Jahre 1575 hatte der Fürstbischof
Julius Echter vom Papst Gregor XIII. und vom Kaiser Maximilian II.
die erforderlichen Sonderrechte für die Gründung einer
Universität erreicht. Am 2. Januar 1582 zelebrierte der
Fürstbischof in der Franziskanerkirche ein feierliches
Pontifikalamt in Gegenwart des Domkapitels, der Prälaten aus dem
Hochstift, des Adels, des Stadtrates, der Professoren und sonstiger
Gäste. Anschließend wurden die Gründungsfeierlichkeiten
mit einer lateinischen Rede des Jesuitenpaters Halenius und der
Verlesung der päpstlichen und kaiserlichen Privilegien durch P.
Rapodius, dem neuen Rektor der Universität, vollzogen. Der
Universitätsgottesdienst fand bis zur Fertigstellung der
Universitätskirche traditionsgemäß in der
Franziskanerkirche statt. Ebenso wurden später in dem neu
gestalteten großen Saal über der Valentinuskapelle die
Vorlesungen gehalten.
Besondere
Verdienste erwarb sich Fürstbischof Julius Echter von
Mespelbrunn um die äußere Instandsetzung und zugleich um
die innere Reform des Franziskaner-Minoritenklosters in Würzburg.
Bereits
im Jahre 1575 hatte der Fürstbischof den Dachstuhl der Kirche
erneuern und das Dach mit Schiefer decken lassen. Die Kosten beliefen
sich auf über 500 Gulden, wie wir aus dem Schreiben des
Konventes vom 4. Mai 1576 wissen. Darin bedankte sich der Konvent
beim Fürstbischof und erstattete ihm zugleich Bericht über
die vollzogenen Renovierungsarbeiten, ferner über die Einnahmen
und Ausgaben.
Im
Jahre 1611 ließ schließlich der Fürstbischof auf
seine eigenen Kosten die notwendigen Baumaßnahmen zur
Wiederherstellung und zum Umbau der schadhaften Kirchen- und
Klostergebäude fortführen, da die wenigen Angehörigen
des Franziskanerklosters selbst infolge ihrer Armut die hohen Kosten
dafür nicht aufbringen konnten. Der bisher flach gedeckte
Kreuzgang wurde eingewölbt und auf drei Seiten von
Konventsgebäuden überbaut, um dadurch mehr Wohnräume
zu gewinnen. Außerdem wurden die Süd- und Nordfenster des
Kreuzgangs in dem Maßwerk der Spätgotik umgestaltet.
Der
östliche Klosterflügel wurde nach Süden verlängert,
so dass im Erdgeschoß ein neuer großer Saal entstand. Die
Bibliothek hingegen, die im bisherigen Südende des Ostflügels
untergebracht war, wurde in den ersten Stock des Westflügels
verlegt. Später sollte sie dann unter den Baumaßnahmen des
P. Guardian Anton Hammer im Jahre 1714/15 noch um ein zweites
Stockwerk erhöht werden.
In
den Jahren 1611 und 1612 erhielt die Valentinuskapelle ihre
West-Ost-Richtung und wurde eingewölbt. Darüber wurde der
prächtige Valentinussaal gebaut, der dann auch bei
Promotionsfeiern der Universität benützt wurde. Allerdings
wurden durch diese baulichen Änderungen die Südfenster des
Kirchenchores ganz verdeckt.
In
den Jahren 1614 und 1615 musste dann die Flachdecke des
Kirchenschiffes weichen. Im Laienschiff wurde ein Rundbogengewölbe
eingezogen und das Hauptdach nach außen über die
Seitenschiffe verlängert. Die bisherige Basilikaform ging
dadurch verloren. Da die Einwölbung des Kirchenschiffes die
Oberlichter völlig verdeckte, wirkte der umgestaltete
Kirchenraum leider gedrückt und lichtarm. Der Lettner zwischen
Chor und Hauptschiff wurde abgebrochen. Die Altäre, die bisher
in den Nischen des Lettners gestanden hatten, wurden in die
Seitenschiffe verlegt. Dies führte zu einer Häufung der
Altäre im Laienschiff. So werden im 17. Jahrhundert außer
dem schon im Jahre 1593 errichteten Hochaltar noch 14 weitere Altäre
genannt.
Über
dem Triumphbogen wurde ein neuer Dachreiter errichtet, der zwei
Glocken aufnehmen konnte. Dieser wurde jedoch im Jahre 1737 von einem
Sturm hinweggefegt. Schließlich erhielt in den späteren
Jahren ein neuer Dachreiter weiter östlich auf dem Chordach
seinen Platz, der dort auch bis zur Zerstörung der Kirche im
März 1945 die Zeiten überstand.
Während
im ganzen deutschen Land Hunderte von Klöstern der Reformation
und ihren Nachwirkungen zum Opfer fielen, setzte sich Fürstbischof
Julius Echter von Mespelbrunn in seiner Diözese energisch für
die Erneuerung ,des ursprünglichen Ordensgeistes ein. Er scheute
sich nicht, sich an den Provinzial des Ordens oder unmittelbar an den
Ordensgeneral zu wenden, wenn er es für die Durchführung
geeigneter Reformmaßnahmen zum Besten der Ordenszucht für
notwendig erachtete. Sein Ziel ließ er dem Würzburger
Minoritenkonvent schon im Jahre 1594 deutlich wissen, indem er für
dessen Visitation einen eigenen Fragebogen aufstellte. Dieser
umfasste 75 Fragen und erstreckte sich auf alle Lebens- und
Tätigkeitsgebiete der Klosterangehörigen. Bereits im
nächsten Jahr befahl der Fürstbischof den Bettelorden
seiner Diözese die Abhaltung des mitternächtlichen
Chorgebetes, „wie es bei den Barfüßern geschehe“. In
der Zeit zwischen 1611 bis 1614 verlangte der Fürstbischof vom
Provinzial P. Beatus Bishalm wiederum einen eingehenden
Visitationsbericht und drängte dann auf sofortige Abstellung
festgestellter Regelwidrigkeiten. Deutlich sprach er seine Wünsche
aus, dass es ihm besonders um eine ausreichende Besetzung des
Konventes mit geeigneten Leuten gehe. Am 18. November 1616 ließ
der Fürstbischof den Provinzial und Guardian der Minoriten zu
sich rufen und äußerte dem P. Provinzial gegenüber,
dass dieser zur Vermehrung der Klosterinsassen geeignete Patres aus
Köln heranziehe. Wörtlich fügte der Bischof hinzu:
„Damit die Grundlagen zum geistigen Fortschritt nicht fehlten,
wurden die Schäden des Hauses behoben. Jetzt wünsche ich
lebendige Bausteine zu sehen, gute Ordensleute.“ Dem fügte er
noch hinzu, er habe weder Mühe noch Sorge gescheut, im Bistum
die Reformation zurückzudrängen und seine Diözese von
der Irrlehre zu befreien. In dieser Linie liege auch sein Bestreben,
dafür zu sorgen, dass der Orden der Minderen Brüder wieder
im alten Glanze leuchte.
Die
Mühen des Fürstbischofs zeigten auch Erfolge. Eine Anzahl
Minderbrüder des Würzburger Konventes, darunter die
Guardiane Beatus Bishalm und Kaspar Leimbach, haben das
Reformprogramm des Fürstbischofs Julius Echter tatkräftig
unterstützt. Der Konventsprediger P. Michael Digasser gehörte
zu jener Kommission, die im Jahre 1588 versuchte, die zahlreichen
Protestanten der Stadt Ochsenfurt wieder für den katholischen
Glauben zu gewinnen.
In
das Jahr 1612 fällt der Beschluss des Provinzkapitels zu
Konstanz, die hl. Elisabeth von Thüringen zur Provinzpatronin zu
erwählen, welche der gebürtige Würzburger Bruder
Rodeger im Jahre 1223 für die franziskanische Idee begeisterte.
Außer
dem schon erwähnten Dritten Orden der Weltleute, den die
Minderbrüder in Würzburg seelsorglich betreuten, gab es
noch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zwei
Terziarinnengemeinschaften. Sie waren wenigstens in ihrer seelischen
Führung eine bestimmte Zeit vom Würzburger
Franziskanerkloster abhängig.
Da
waren zunächst die Klausnerinnen zum hl. Georg, deren Haus sich
am Eingang der Augustinerstraße beim alten Jörgentor
befand. Sie unterstanden zuerst dem Benediktinerabt von St. Stephan,
wurden dann Terziarinnen des hl. Franziskus, um schließlich im
Jahre 1460 zu den Augustinern überzugehen. Nach dem Umzug dieser
weiblichen Ordensgemeinschaft in das Haus zur „Hohen Zinne“ in
der Hörleingasse starb sie. in der zweiten Hälfte des 16.
Jahrhunderts aus.
Die
zweite Terziarinnengemeinschaft, das so genannte Wilberghaus, hatte
ihr Regelhaus an der heutigen Hofstraße. Aufgenommen wurden nur
solche Jungfrauen aus ganz Unterfranken, die dem Dritten Orden des
hl. Franziskus angehörten. Diese Ordensgemeinschaft lebte nach
einer Regel, die neun Punkte umfasste und im Jahre 1366 unter
Mitwirkung des Guardians Ludwig von Own aufgestellt worden war. Im
Jahre 1579 wurde das Regelhaus um 250 Gulden verkauft und der Erlös
unter die letzten Schwestern verteilt. Hingegen blühten im 17.
Jahrhundert an der Franziskanerkirche verschiedene Bruderschaften
auf.
Am
Franziskusfest des Jahres 1615 wurde mit Zustimmung des
Fürstbischofs Julius Echter vom damaligen Guardian P.
Nikolaus Buelmann die seraphische Strickgürtelbruderschaft
gegründet. Viele angesehene Leute ließen sich in sie
aufnehmen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ist sie eingeschlafen
oder im Dritten Orden aufgegangen.
Noch
kurzlebiger war die im Jahre 1616 vom Fürstbischof an der
Franziskanerkirche errichtete Bruderschaft zu Ehren des „V
erklärten Heilands“. Sie starb bereits im Laufe des
Dreißigjährigen Krieges aus.
Im
Jahre 1643 wurde schließlich die Bruderschaft zu Ehren des hl.
Johannes des Täufers und des hl. Apostels und Evangelisten
Johannes gegründet. Sie kann als Seraphischer Messbund
bezeichnet werden. Auch diese Vereinigung erlosch im Jahre 1833.
Die
Büftnerzunft aber, die seit dem Jahr 1620 zum Gedenktag des hl.
Evangelisten Johannes in die Franziskanerkirche kommt, blieb
erhalten. Heute noch wird den Angehörigen am zweiten
Weihnachtsfeiertag beim feierlichen Gottesdienst geweihter Wein
gereicht.
Die
im Jahre 1650 gegründete Bruderschaft zu Ehren des hl. Antonius
von
Padua
ging zwar Anfang des 19. Jahrhunderts ein, erlebte aber im
Jubiläumsjahr des Heiligen (1931) eine Neugründung. Unter
der regen Tätigkeit ihres Präses P. Winfried Gogolin (+
1946) blühte sie bis zum Zweiten Weltkrieg auf und zählte
etwa 3000 Mitglieder.
Die
abgeschlossene Renovierung der Gebäude und die innere Erneuerung
des Franziskanerklosters unter Fürstbischof Julius Echter von
Mespelbrunn leiteten nicht nur einen zahlenmäßigen Anstieg
an Mitgliedern, sondern auch eine geistig-wissenschaftliche
Aufwärtsentwicklung ein. Im Jahre 1616, ein Jahr vor dem Tod des
edlen Bischofs, zählte der Konvent der Minoriten wieder fünf
Patres, sieben Professkleriker und einen Laienbruder. Die gestiegene
Bedeutung des Würzburger Konventes wird daraus ersichtlich, dass
im Jahre 1618 das Provinzkapitel unter Vorsitz des Ordengenerals
Jakobus Montanari dort stattgefunden hat. Bei dieser Gelegenheit
promovierte der Ordensgeneral in Gegenwart des neuen Fürstbischofs
Johann Gottfried von Aschhausen die Patres Accursius Wolfwieser und
Hugolin Kneiff zu Doktoren der Theologie. P. Accursius begab sich
bald darauf zusammen mit P. Bonaventura Mannhardt in die geschwächte
österreichische Ordensprovinz und wurde da im Jahre 1628 zum
Provinzial gewählt. Von der Oberdeutschen Minoritenprovinz
wurden in der Folgezeit noch mehrere Patres, insbesondere auch aus
dem Konvent Würzburg, zur Hilfe nach Osterreich geschickt.
In
Würzburg selbst versahen die Patres des Franziskanerklosters zu
Anfang des 17. Jahrhunderts in der Marienkapelle und von 1641 bis
1644 in der Pfarrei St. Burkard den Gottesdienst.
Versuche
der Franziskaner-Observanten von Dettelbach, im Jahre 1630 den
Würzburger Minoritenkonvent für die strengere Richtung der
Reform zu gewinnen, scheiterten trotz Unterstützung des
Bamberger Bischofs. Als ferner im Jahre 1664 die Rekollekten von
Hammelburg, eine andere franziskanische Reformbewegung, sich in
Würzburg niederlassen und dort entweder das Franziskaner- oder
Augustinerkloster erwerben wollten, blieben auch deren Bemühungen
erfolglos.
Schwere
Zeiten brachen über die katholische Bevölkerung Würzburgs,
seine Kirchen, Klöster und Geistlichen im Dreißigjährigen
Krieg infolge der schwedischen Besatzungszeit herein, die vom Jahre
1631 bis 1635 dauerte. In der Franziskanerkirche konnte damals der
Gottesdienst nur bei verschlossenen Türen und ohne
Glockenzeichen stattfinden. Eine Gedenktafel an der Kirchenwand des
nördlichen Kreuzgangs erinnert an die zwei Kapuzinerpatres, die
bei der Eroberung der Festung am 18. Oktober 1631 durch die Schweden
den Tod fanden und im Kreuzgang des Franziskanerklosters beigesetzt
wurden.
Da
die Jesuiten während der schwedischen Besatzungszeit aus
Würzburg geflohen waren, führten die Patres des
Franziskanerklosters den Unterricht am Kolleg weiter und hielten auch
für die Gymnasiasten den täglichen Schulgottesdienst in der
Franziskanerkirche. Am 10. November 1633 veranstalteten die
Gymnasiasten unter Anleitung der Minoritenpatres im Klostergarten
nach dem Brauch der Jesuiten Schulkomödien mit anschließender
Preisverteilung. P. Guardian Johann Wendel erteilte während der
Abwesenheit der Jesuiten von Würzburg in dem
Franziskanerkloster für die eigenen Kleriker und die weltlichen
Studenten Philosophieunterricht. Hier dürfte wohl auch der
Beginn eines eigenen Hausstudiums zu suchen sein, das viele Jahre
bestand.
5. Neue Blüte
bis zur Säkularisation
Die
unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn erneuerte
aszetische Formung der Klosterinsassen zeigte ihre Früchte. Aber
auch die sorgfältige Studienausbildung der Kleriker und die
Pflege der philosophisch-theologischen Wissenschaften trugen zu dem
steigenden Ansehen des Franziskanerklosters bei.
Die
Wirren der Glaubensspaltung hatten dem Studienwesen der süddeutschen
Ordensprovinz der Minoriten großen Schaden zugefügt. Sie
verlor nicht nur eine Anzahl Klöster, darunter das bedeutende
Studium generale in Straßburg. Es fehlte schließlich an
geeigneten Lateinschulen und philosophisch-theologischen
Studienhäusern. Schon das Provinzkapitel zu Speyer beschloss im
Jahre 1608 eine stärkere Förderung der Studien und eine
größere Zusammenarbeit der Klosterschulen und Seminarien
innerhalb der Ordensprovinz. Deshalb wurde in den folgenden
Jahrzehnten im neu erworbenen Kloster Maihingen im Ries ein zentrales
Studienhaus gegründet, zu dessen Unterhalt die meisten Klöster
der Provinz beisteuern mussten. Nach und nach nahm die Zahl der
Schüler und Lehrer wieder zu, so dass sich die Ordensprovinz im
17. Jahrhundert erholte und wissenschaftlich wieder auf eigenen Füßen
stehen konnte. Auf verschiedene Initiativen des Ordensgenerals hin
wurde im Jahre 1758 ein Lehrplan für einen dreijährigen
Kurs des Theologiestudiums nach scotistischer Lehrmethode in der
süddeutschen Minoritenprovinz eingeführt. Dem folgte im
Jahre 1776 eine verbesserte zweite Lehrordnung, die sich mit allen
Ordensschulen befasste. Die Ausbildung der Schüler an den
Lateinschulen (Ordensgymnasien) sollte fünf Klassen betragen.
Daran schlossen sich ein zweijähriges Philosophiestudium und ein
vierjähriges Theologiestudium an.
Der
Würzburger Konvent hatte in den vorausgegangenen Jahrhunderten
sehr viele Kleriker in andere Häuser der Ordensprovinz zur
Ausbildung geschickt. Einzelne Lektoren („Lesemeister“) für
bestimmte Studienfächer gab es allerdings immer auch im Konvent.
Seit
dem Jahr 1582 besuchten die Kleriker des Würzburger Konventes
die Vorlesungen an der neu gegründeten Universität, an der
sie zudem gewisse Vergünstigungen genossen. Allerdings
unterrichteten dort die Jesuitenpatres die theologischen Fächer
vorwiegend nach der thomistischen Lehrmethode, während der
Franziskanerorden seine Ordensjugend nach der ordensgemäßen
scotistischen Lehrmethode ausgebildet wissen wollte. Daher kam es
zwischen dem Franziskanerkloster und den Jesuiten zu Spannungen. Die
Folge war, dass der damalige Provinzial der Minoriten, P. Christoph
Vogel, im Jahre 1667 ein theologisches Studium für die eigenen
Ordenskleriker im Würzburger Konvent gründete, um die
franziskanische Überlieferung der Ordensschulen zu wahren. Erst
seit der zweiten Studienordnung des Jahres 1776 wurde diesem
Unterschied der Lehrmethode im Orden keine nennenswerte Bedeutung
mehr zugemessen.
Die
Beziehungen des Würzburger Franziskanerklosters zur Universität
blieben trotz des Auszuges der Klerikerprofessen aus der Universität
sehr rege. Zahlreiche Patres des Konventes arbeiteten im 17. und 18.
Jahrhundert ihre Dissertation an der Universität aus. Der Anhang
der Ordensgeschichte der Oberdeutschen Minoritenprovinz von P. Konrad
Eubel führt allein im Laufe des 18. Jahrhunderts 96
veröffentlichte Dissertations- und Disputationsschriften an, die
von Konventsangehörigen abgefasst worden sind. Der Orden stellte
außerdem immer wieder aus seinen Reihen Professoren für
die Universität Würzburg.
P.
Polyänius Mayer, ordentlicher Lehrer der Theologie,
veröffentlichte im Jahre 1751 zu Würzburg eine vollständige
Dogmatik nach scotistischer Richtung. Die Predigtliteratur erhielt
durch die Beiträge der Franziskanerpatres Alexander Herth, Otto
Haas und Modest Hahn (+ 1794) eine wertvolle Bereicherung. P. Anton
Kirschner (+ 1734) verfasste ein weit verbreitetes Andachtsbuch
„Unerschöpflicher Gnadenbrunn“, das im Jahre 1783 in neunter
Auflage erschien. P. Bonavita Blank erwarb sich nicht nur durch seine
von ihm erfundene Musivmalerei, sondern auch durch seine
naturwissenschaftlichen Sammlungen („Naturalienkabinet“) einen
berühmten Namen in der Öffentlichkeit. Fürstbischof
Franz Ludwig ernannte ihn deshalb im Jahre 1792 zum Professor der
Naturgeschichte an der Universität Würzburg. Im Jahre 1810
veröffentlichte P. Bonavita Blank ein Handbuch der Mineralogie
und ein Jahr später ein Handbuch der Zoologie. Auch die
Kirchenmusik wurde im 17. und 18. Jahrhundert bei den Franziskanern
zu Würzburg trefflich gepflegt und gefördert. Die Patres
Theodor Mayer, Anton Biegeisen, Donulus Eöert und Kolonat Jamez
zeichneten sich als tüchtige Musiker und teilweise auch als
Komponisten aus. Einige Laienbrüder verhalfen durch
hervorragende Kunstfertigkeit dem Konvente ebenfalls zu größerem
Ansehen. An erster Stelle ist Bruder Kilian Staufer, ein gebürtiger
Schweizer, zu nennen, der aus gefärbtem Gips Stuckmarmor
herstellte. Deswegen stand er beim damaligen Fürstbischof in
hohem Rufe. Bruder Kilian arbeitete in vielen Kirchen der Diözese.
Die „Marmorsäulen“ in der Festungskirche zu Würzburg,
in den Wallfahrtskirchen zu Schönau bei Gemünden und zu
Fährbrück geben heute noch Zeugnis von seinem großen
Können. Durch die Vermittlung des Bruders Kilian Staufer und
durch Abtretung des Lehenshofes zu Hohenfeld bei Kitzingen, der
bisher dem Würzburger Minoritenkloster gehörte, überließ
der Fürstbischof im Jahre 1699 das ehemalige, verlassene
Zisterzienserinnenkloster Schönau an der Saale dem
Minoritenorden. Bruder Kilian Staufer starb am 24. Juni 1729 zu
Würzburg.
Ähnliche
Kunstfertigkeit entwickelte auch Bruder Leopold Hölzel, der im
Jahre 1781 in der Franziskanerkirche einige Nebenaltäre, das
Gehäuse der neuen Orgel und die Barockkanzel, eine Nachbildung
jener in der Hofkirche, anfertigte. Aus dem 17. Jahrhundert sind
nicht zuletzt zwei Laienbrüder, nämlich ein gewisser
Neßfell oder Nestfeld und Michael Schmück („Flosculus“),
zu erwähnen, die hervorragende Kenntnisse in der Astronomie
besaßen. Neßfell, der Kunstschreiner war, stellte einen
Himmelsglobus her, der in der Klosterbibliothek aufbewahrt wurde.
In
dem Gutachten, das der Würzburger Weihbischof Johann Bernhard
Mayer am 22. August 1705 im Namen .des Bischöflichen
Ordinariates über die Tätigkeit der Franziskaner-Minoriten
zu Würzburg an den Ordensvikar erstattete, heißt es: „Die
hiesigen Franziskaner führen seit langer Zeit ein sehr
vorbildliches Leben, ohne Verdacht irgendeines öffentlichen
Ärgernisses, sind im Predigen des Wortes Gottes, in der
Zelebration von Messen, im Chorgebet und im Beichthören eifrig,
wobei die Gläubigen in großer Zahl am Feste und in der
Oktav des heiligen Bischofs und Martyrers Valentinus, von dem
bedeutende Reliquien bei ihnen aufbewahrt sind, aus ganz Franken
zusammenströmen. Von der Stadt Würzburg kommen die
Gläubigen das ganze Jahr hindurch, besonders an den
Antoniusdienstagen, fleißig zum Beichten. Die
Franziskanerpatres sind im Besuch der Kranken und Sterbenden eifrig.
Sie erfreuen sich des vollen Vertrauens und Wohlwollens des
Fürstbischofs, der übrigen Prälaten und Großen.
Einer aus ihrem Konvente ist Beichtvater der Domherrn und
Dombenefiziaten, ein anderer versieht das gleiche Amt bei den Alumnen
des Bischöflichen Seminars. Dass bei ihnen die Disziplin und das
Studium der Theologie und der Philosophie blühen, geht daraus
hervor, dass sie oft in ihrem Kloster öffentliche Disputationen
veranstalten, die auch gedruckt werden. Sie werden aber ebenso zu
anderen Disputationen zu deren Anfechtung an der Universität
eingeladen.“
Zu
Beginn des 18. Jahrhunderts werden also von amtlicher Seite
„Katheder, Kanzel und Beichtstuhl“ als seelsorgliche Schwerpunkte
der Franziskaner in Würzburg herausgestellt. In der Stadt
Würzburg wirkten die Patres, außer ihrer seelsorglichen
Tätigkeit in der eigenen Ordenskirche, schon in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts als Prediger und Beichtväter im
Dom. Der Eigenart des Ordens entsprechend leisteten die
Konventsangehörigen zahlreiche Aushilfen in der Umgebung und in
der Stadt Würzburg selbst. Im 18. Jahrhundert versahen sie, wie
auch schon lange vorher, den Beichtstuhl im Ritterstift St. Burkard,
im Schottenkloster, in der Deutschordenskirche und im Kloster St.
Afra. In Lengfeld, das damals noch eine Filiale von Rottendorf war,
hielten die Franziskanerpatres vom Jahr 1707 bis 1802 Gottesdienste.
Ferner wurde die Kuratie Neu-Schleichach vom Würzburger
Franziskanerkloster von 1749 bis 1816, außerdem die Kuratie
Euerbach von 1760 bis 1781 durch Gottesdienste seelsorglich betreut.
Im
Jahre 1720 wurde an der Franziskanerkirche die Bruderschaft zu Ehren
der Unbefleckten Empfängnis Mariens mit päpstlicher
Gutheißung errichtet. Ihr gehörten viele bedeutende
Persönlichkeiten der Wissenschaft und des öffentlichen
Lebens an. Diese Bruderschaft hatte jeden dritten Monatssonntag
nachmittags Predigt und Prozession durch den Kreuzgang zur
Valentinuskapelle. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit dem
„Kreuzzug der Unbefleckten“, einer Gründung des 1941 im
Konzentrationslager Auschwitz verstorbenen und am 17. Oktober 1971
selig gesprochenen Paters Maximilian Kolbe, zusammengelegt. Nach
einer bischöflichen Verfügung vom 14. Dezember 1792 wurde
eine der drei, bisher in der Karmelitenkirche wöchentlich
gehaltenen Fastenpredigten, auf die Franziskanerkirche übertragen,
die dort noch lange Zeit am Montag in der Fastenzeit gehalten wurde.
Im
Zusammenhang mit dem Aufschwung des Franziskanerklosters in Würzburg,
das sich während des 17. und 18. Jahrhunderts zu einem der
bedeutendsten Konvente der oberdeutschen Ordensprovinz entwickelte,
darf auch die ehemalige wertvolle Klosterbibliothek nicht vergessen
werden. Sie war im Jahre 1715 bereits auf 10000 Bände
angewachsen. Den Grundstock im Minoritenkloster bildeten etwa 150
Handschriften aus dem 13. bis 15. Jahrhundert und Pergamenturkunden.
Eine zweite Serie von Handschriften aus späterer Zeit schloss
sich an. Die meisten Handschriften stammten aus Schenkungen. Ein
Drittel der vorhandenen Handschriften war mit Ketten versehen. Eine
zweite Abteilung stellten die Wiegendrucke dar. Es waren etwa 400
Werke in 364 Bänden, darunter der Sentenzenkommentar des hl.
Kirchenlehrers Bonaventura mit Blattgoldinitialen. Größere
Verluste waren im Bauernkrieg (1525) und bei der Säkularisation
(1803) zu beklagen. Bei letzterem Ereignis musste das
Franziskanerkloster 287 ausgewählte Werke und 539 Kupferstiche,
die man aus anderen Büchern herausgerissen hatte, an die
Universitätsbibliothek abgeben. Bei der furchtbaren Zerstörung
im März des Jahres 1945 ist von dem wertvollen Bücherschatz
nur ein geringer Teil erhalten geblieben.
Nach
der großen Renovierung von Kloster und Kirche unter
Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn hören wir erst
wieder ab 1675 von größeren baulichen Veränderungen.
In dem genannten Jahr wurden im Winterrefektor das Gewölbe
entfernt und eine flache Gipsdecke eingezogen, die durch eine Säule
in der Mitte des Saales gestützt wurde.
Auch
in der Klosterkirche wurden ab 1680 weitere Veränderungen
eingeleitet. Das Barockzeitalter sollte auch in der
Franziskanerkirche seine Zeichen setzen. Das Kaffgesims sämtlicher
Fenster des Chorraumes und der Seitenwände, mit Ausnahme des
Ostfensters, wurde durchgeschlagen. Dabei wurden die Fenster nach
unten verlängert und zugleich nach oben und unten ausgebaucht.
Sie verloren dadurch ihr bisheriges Maßwerk.
Die
große, neue Bauperiode vollzog sich unter der Amtszeit des
Guardians P. Anton Hammer von 1689 bis 1699. Sie setzte sich unter
seinem letzten Guardianat von 1714 bis 1717 fort, als er nochmals auf
ausdrücklichen Wunsch des Fürstbischofs Hausoberer des
Konventes Würzburg wurde. P. Anton Hammer und sein leiblicher
Bruder, P. Franz Hammer, stammten aus einer reichen Würzburger
Bäckersfamilie. Sie verwendeten die große elterliche
Erbschaft in Höhe von 4000 Gulden zur gründlichen
Renovierung und zum Ausbau des Klosters. So wurde im Jahre 1715 auf
die bisherigen alten Klostergebäude ein zweites Stockwerk
aufgesetzt, um für die angestiegene Zahl der Konventsangehörigen
mehr Raum zu gewinnen. Wenige Jahre nach Vollendung der Baumaßnahmen,
nämlich im Jahre 1723, waren es 28 Patres, neun Kleriker und
zehn Laienbrüder.
Im
Jahre 1696 erlebt die Klosterkirche nochmals wesentliche
Umänderungen. Ein neuer barocker Hochaltar wurde mehr in die
Mitte des Chorraumes gerückt. Der Altaraufbau, dessen tragende
Stuckmarmorsäulen Bruder Kilian Staufer anfertigte, reichte bis
zum Deckengewölbe. Diesen Altaraufbau schmückten
übereinander zwei Altarbilder von der Kreuzauffindung und der
Kreuzabnahme, die der fränkische „Rubens“, Oswald Onghers,
gemalt hatte. Nach seinem Tod (1706) fand er auch seine letzte
Ruhestätte in der Franziskanerkirche.
Unter
dem Guardian P. Anton Hammer wurden ferner wertvolle Gewänder
und Geräte für den Gottesdienst angeschafft. Aus dieser
Zeit stammen die große Monstranz und der große barocke
Kelch mit Lavaboteller und Kännchen, die in Augsburg angefertigt
worden sind. Außerdem ließ der Guardian eine neue
Orgeltribüne und drei Orgeln errichten. P. Anton Hammer starb am
17. April 1718 im Kloster Maihingen, wohin er sich 1717 nach seinem
letzten Guardianat zurückgezogen hatte.
Von
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind nur noch die
Anfertigung eines neuen Dachreiters und eines neuen Orgelwerkes in
der Klosterkirche sowie größere Anschaffungen von
Altargerät zu berichten. Um 1780 zählte der Konvent 24
Patres, vier Professkleriker und sechs Laienbrüder.
6. Die
Säkularisation und die Zeit danach
Das
allgemeine Schicksal der Säkularisation der Stifte und Klöster
traf im Jahre 1803 auch das Franziskaner-Minoritenkloster in
Würzburg. Am 25. Februar 1803 wurde der Entschädigungsplan
des Friedens von Luneville (1801), wodurch die erblichen deutschen
Fürsten für den Verlust linksrheinischer Gebiete an
Frankreich durch rechtsrheinische geistliche Gebiete und Reichsstädte
entschädigt werden sollten, auf der Reichsdeputation in
Regensburg angenommen und vom Kaiser bestätigt. Danach ging
aller Besitz geistlicher Fürsten, der Domkapitel, der fundierten
Stifte, Abteien und Klöster in die freie und volle Verfügung
der betreffenden Landesherren über, die in Zukunft gewisse
Aufwandsentschädigungen für Gottesdienst, Unterricht,
Domkirchen und Pensionen für die aufgehobenen Geistlichen zu
leisten hatten. Damit fielen auch in Franken Vermögen, Besitztum
und Güter des bisherigen Fürstbistums, der geistlichen
Stifte, der Abteien und Klöster an den bayrischen Kurfürsten.
Schon
am 3. Februar 1803 war eine kurfürstliche Kommission im
Franziskanerkloster erschienen, um die Inventuraufnahme vorzunehmen.
Damals zählte der Konvent noch 16 Patres und drei Laienbrüder.
Da das geringe Vermögen des Klosters den verbleibenden Insassen
keine ausreichende Rente bieten konnte, wurde es nicht sofort
aufgehoben. Der Konvent wurde aber zum Aussterben verurteilt. Alle
Patres und Brüder, sofern sie sich nicht um eine neue Aufgabe
bemühten, konnten zwar bis zu ihrem Tode im Kloster verbleiben,
es durften jedoch keine neuen Novizen mehr aufgenommen werden.
Wie
schon erwähnt, musste der Konvent wertvolle und seltene Bilder
und Bücher an die Universitätsbibliothek in Würzburg
abliefern. Die Begräbnisse in der Kirche und auf dem
klostereigenen Friedhof wurden in Zukunft verboten. Ferner wurde die
Friedhofsmauer im Jahre 1805 niedergerissen und der ehemalige
Friedhof nördlich und östlich der Kirche zur Verbreiterung
der Straße und zur Vergrößerung des
Franziskanerplatzes verwendet.
Mit
der Säkularisation wurde ein Abschnitt fruchtbaren
seelsorglichen Wirkens der Franziskaner-Minoriten jäh
unterbrochen. Der Fortbestand dieses Klosters hing viele Jahre
hindurch nur noch an einem seidenen Faden.
Den
gewaltsamen Eingriff in die bisherigen Formen kirchlichen Lebens, die
entschädigungslose Enteignung und Einziehung der Kirchengüter
und Klöster in Staatseigentum, beziehungsweise das langsame
Aussterben der minderbemittelten Klöster, überlebten von
den zwei deutschen Minoritenprovinzen nur die Klöster Würzburg
und Schönau. Beide lagen im ehemaligen Herzogtum Franken.
Zwar
trat während der kaum zehn Jahre währenden Regentschaft des
Großherzogs Ferdinand von Osterreich und Toscana über das
ehemalige Fürstbistum Würzburg eine vorübergehende
Besserung zugunsten der zum Aussterben verurteilten Klöster ein.
Die Augustiner, Karmeliten und Minoriten erhielten in Würzburg
sogar die Erlaubnis, wieder Novizen aufzunehmen. Aber bei den
damaligen ungewissen und ungünstigen Zeitverhältnissen
blieb der Neuzugang aus. Als König Ludwig I. von Bayern nach
seinem Vater Maximilian I. die Regierung (1825-1848) antrat,
verknüpfte sich mit seiner Person neue Hoffnung. Einigen Orden
wurde auch wirklich die Genehmigung des Wiederauflebens
(Resuscitierung) erteilt. Doch für das Würzburger
Franziskanerkloster blieb selbst die Fürsprache des Würzburger
Bischofs Friedrich Freiherrn Groß von Trockau, dessen
Gewissensberater der Minorit P. Balthasar Albert war, vorerst ohne
Erfolg. Als dann König Ludwig I. im Jahre 1839 längere Zeit
in Rom weilte, sandte der Ordensgeneral P. Angelus Bigoni am 19. Mai
1839 ein Bittgesuch an den bayrischen König, um den Fortbestand
des Würzburger Minoritenklosters zu erreichen. Tatsächlich
genehmigte der König das Bittgesuch, so dass am 2. März
1840 bei der Regierung von Unterfranken der königliche Erlass
für das Wiederaufleben des Konventes Würzburg eintraf.
Damals lebten im dortigen Franziskanerkloster noch der 88jährige
Guardian, P. Balthasar Albert, und der 62jährige P. Cherubin
Barack. Da kein eigener deutscher Ordensnachwuchs sofort in Aussicht
stand, wurden schnell aus Italien Mitbrüder, darunter drei
deutschsprachige Südtiroler Patres aus dem Konvent Padua,
herbeigerufen. Als diese Ende März 1840 in Würzburg
eintrafen, lag P. Balthasar bereits auf der Totenbahre (+ 26. März
1840). P. Innozenz Pamfili, aus Gubbio bei Assisi stammend, wurde
zunächst Guardian, kehrte aber schon im Jahre 1843 nach Italien
zurück. Sein Nachfolger im Guardianat wurde der Südtiroler
P. Alexander Lener, der im Jahre 1840 in Würzburg eingetroffen
war. Der Letzte aber aus der alten Konventsfamilie Würzburg, P.
Cherubin Barack, überlebte das Neuaufleben seines Klosters noch
zweidreiviertel Jahre. Er starb am 26. Dezember 1842.
Da
der bauliche Zustand des Klosters und der Kirche seit der
Säkularisation (1803) arg gelitten hatte, wurden zunächst
nach dem Jahr 1840 die gröbsten Schäden ausgebessert.
Darauf wurden schließlich in der Kirche Altäre und Wände
gereinigt, der Fußbodenbelag erneuert und die trüben
Fenster ausgewechselt. Am Neujahrstag 1842 wurde dann mit einem
Festgottesdienst die Franziskanerkirche wieder feierlich eröffnet.
Im Jahre 1843 konnte der Konvent bereits drei Patres und sechs
Professkleriker aus eigenem Nachwuchs aufweisen.
In
das Jahr 1848 fällt die erste Deutsche Bischofskonferenz in
Würzburg, die am 23. Oktober mit einem Eröffnungsgottesdienst
im Dom begonnen wurde. Die Sitzungen fanden zunächst im
Priesterseminar statt, wurden jedoch nach Rückkehr der Alumnen
aus den Sommerferien in das Franziskanerkloster verlegt. Das
geräumige Refektor des Konventes wurde vom 3. November an als
Konferenzraum benützt. Am 15. November fand diese erste Deutsche
Bischofskonferenz im überfüllten Dorn mit einer Predigt des
Erzbischofs von München/Freising ihren Abschluss.
7. Wiederherstellung
der Provinz und des Würzburger Klosters
Im
Jahre 1843 durfte auch das Minoritenkloster Schönau bei
Gemünden/Ufr. durch königlichen Erlass zur großen
Freude des einzigen übrig gebliebenen Konventsangehörigen
P. Totnan Schech, der mutig ausharrte, wieder Novizen aufnehmen. Zwei
Jahre später (1845) gründete König Ludwig 1. mit
eigenen Mitteln den Konvent Oggersheim bei Ludwigshafen a. Rh. zur
Betreuung der dortigen Loretowallfahrtskirche. Im nämlichen Jahr
wurden dann diese drei deutschen Minoritenklöster zu einem
Generalkommissariat zusammengeschlossen und der frühere
Ordensgeneral P. Angelus Bigoni übernahm unter dem Titel eines
Generalvikars bis zum Jahre 1847 die Oberleitung über diese
Konvente. Ihm folgte als Generalkommissär (1848-1857) P. Robert
Zahradniczek, welcher der böhmischen Ordensprovinz angehörte.
Im Mai 1857 fand in Rom ein Generalkapitel statt. Es beschloss die
Wiederherstellung der ehemaligen Oberdeutschen Minoritenprovinz. Die
bayrischen Konvente Würzburg, Schönau und Oggersheim sowie
das im Hunsrück gelegene, im Jahre 1854 neu gegründete
Kloster Ravengiersburg wurden zur bayrischen Kustodie, die zwei noch
bestehenden schweizerischen Konvente Freiburg und Solothurn (1864
aufgehoben) zu der schweizerischen Kustodie und die neu errichteten
Niederlassungen in Hal/Belgien und Urmond/Holland zu der belgischen
Kustodie zusammengefasst. Neuer Provinzial der Oberdeutschen
Minoritenprovinz wurde P. Fidelis Dehm, Sitz des Provinzialates der
Würzburger Konvent. Und dort blieb es auch, - von einer kurzen
Verlegung nach dem Zweiten Weltkrieg in den Konvent Schwarzenberg
abgesehen -, bis auf den heutigen Tag. Dadurch entwickelte sich das
Franziskanerkloster Würzburg zum Mittelpunkt der Ordensprovinz.
Nach
der Zusammenfassung der Konvente. zu einer eigenen Ordensprovinz
folgten noch weitere Neugründungen in Linz am Rhein (1858), in
Spabrükken bei Kreuznach (1862), in Brüssel (1862) und die
Erwerbung des Konventes Schwarzenberg (1866). Allerdings sollten die
Klöster Ravengiersburg, Linz und Spabrücken im Verlaufe des
preußischen Kulturkampfes bald wieder eingehen. Jedenfalls
zeigen die Neugründungen, die innerhalb von etwa zwanzig Jahren
nach dem Wiederaufleben des Ordens in Deutschland erfolgten, die
Entschlussfreudigkeit zur Ausbreitung auch im Nordwesten
Deutschlands, vorwiegend im Bereich der ehemaligen Kölner
Ordensprovinz.
Als
während der Revolutionsjahre 1848/49 eine starke
Auswanderungsbewegung in die Vereinigten Staaten Amerikas einsetzte,
schalteten sich während der folgenden Jahrzehnte die deutschen
Minoriten in die dortige Seelsorge der Auswanderer ein. Zugleich mit
der Betreuung ihrer Landsleute legten die deutschen Minoritenpatres
bei der Gründung der ersten Ordensniederlassungen in den USA das
Fundament für zwei spätere Ordensprovinzen. An der Spitze
dieser wagemutigen Missionare sind P. Bonaventura Keller und P.
Fidelis Dehm zu nennen. Letzterer wurde im Jahre 1866 als
Generalkommissär nach Nordamerika geschickt, um die bereits
bestehenden Missionsstationen zu einem Provinzverband zu vereinigen.
P. Bonaventura Keller hingegen hatte sich bereits 1849 in die
amerikanische Mission begeben, wo er in Texas, Philadelphia,
Louisville und Utika segensreich wirkte. Schließlich wurde er
im Jahre 1872 zum Provinzial der neuen Minoritenprovinz gewählt.
Er starb jedoch schon fünf Jahre später, am 5. April 1877,
in seiner Wahlheimat.
Außerdem
wurde von der Oberdeutschen Minoritenprovinz nach dem Jahr 1860 die
Auslandsmission unter der deutschsprachigen Bevölkerung in der
Moldau und in Bessarabien/Rumänien aufgenommen. Später
wurde das seelsorgliche Wirken sogar auf weite Gebiete Rumäniens,
Bulgariens und auf Konstantinopel ausgedehnt. Wiederum war es P.
Fidelis Dehm, der nach erfolgreicher Organisationsarbeit aus den
Vereinigten Staaten Amerikas heimgekehrt, die schwierige Regelung der
Seelsorgsverhältnisse in der Moldau unter den wenigen Katholiken
vollbrachte. Für diese Aufgabe wurde er im Jahr 1877 vom Papst
zum Apostolischen Vikar der Moldau ernannt und schließlich zum
Titularbischof von Colophon erhoben. Nach seiner Rückkehr in
seine Heimatprovinz starb P. Fidelis Dehm am 17. Mai 1883 und wurde
auf dem Friedhof zu Oggersheim begraben.
Da
die Würzburger Ordenskirche in den Jahren 1840 bis 1842 nur
notdürftig instand gesetzt worden war, wurde vierzig Jahre
später nach den Plänen des Regensburger Domvikars Dengler
ihre durchgreifende Umgestaltung im früheren gotischen Stil
geplant und teilweise auch durchgeführt. Weil man damals für
das Wiederaufleben der Gotik schwärmte, wollte man alle
Erinnerungen an Barock und Rokoko gründlich beseitigen. Sogar
die herrliche Kanzel, eine Nachbildung der Kanzel in der Hofkirche,
sollte beseitigt werden. Gott sei Dank scheiterte die Gesamtplanung,
am Einspruch des Landesdenkmalamtes oder an den beschränkten
finanziellen Mitteln. Jedenfalls wurden außer dem prächtigen
Hochaltar die zahlreichen barocken Nebenaltäre entfernt. Außer
einem einfachen Hochaltar fanden nur noch fünf Seitenaltäre
einfacher Ausführung Aufstellung in der Kirche. Der unter der
Orgeltribüne stehende Altar zu Ehren der schmerzhaften Mutter
Gottes erhielt ein anderes Vesperbild aus der Schule Tilman
Riemenschneiders, das bis zum Jahre 1842 in der alten, später
abgebrochenen Karmelitenkirche am Markt gestanden war. Ferner wurde
auf der Orgelempore eine zweigeteilte Orgel aufgestellt, die das
große Fenster der Westfassade wieder frei ließ. Unter dem
Guardianat von P. Pazifikus Schmitz wurde schließlich im Jahre
1892 die Valentinuskapelle renoviert und mit einem neuen Altar
ausgestattet, der sogar den Zweiten Weltkrieg überlebte.
Anscheinend war man aber mit den neu geschaffenen Altären in der
Klosterkirche nicht zufrieden. So wurden in den Jahren 1895/1899 die
Seitenaltäre nochmals ausgewechselt und durch andere ersetzt,
die etwas reichere Ausstattung aufwiesen. Ferner ließ P.
Guardian Pius Kaiser noch die zwei Seitenaltäre zu Ehren der
Unbefleckten Empfängnis Mariens und des hl. Antonius von Padua
durch den fränkischen Künstler Matthäus Schiestl neu
anfertigen. Dann folgten bis zum Zweiten Weltkrieg außer der
notwendigen Außen- und Innenrenovierung der Kirche in den
Jubiläumsjahren 1921 und 1926 keine nennenswerten Veränderungen
mehr.
Seit
der Wiederherstellung und Neubelebung des Würzburger
Franziskanerklosters (1840) hatte der Konvent die damit ergangenen
staatlichen Anordnungen zu berücksichtigen. So wurde mit der
Zunahme von Patres nicht nur der Gottesdienst in der eigenen
Klosterkirche würdiger gestaltet, sondern auch die
Aushilfstätigkeit in der Umgebung wieder aufgenommen. Zugleich
hatten die Minoriten die Auflage erhalten, in der Hofkirche der
Residenz täglich zwei heilige Messen gegen eine jährliche
Vergütung von 340 Gulden aus dem Etat der staatlichen
Schlossverwaltung zu zelebrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen
die finanziellen Leistungen des bayrischen Staates vollkommen weg.
Die Vergütung der seelsorglichen Dienste der Franziskanerpatres
in der Hofkirche, des Zehn-Uhr-Gottesdienstes an Sonn- und Feiertagen
und der kirchlichen Eheassistenz, wurde jetzt vom Bischöflichen
Ordinariat übernommen.
Seit
dem Jahre 1843 wurden auch die gottesdienstliche Betreuung der
Ursulinen in Würzburg vom Franziskanerkloster aus besorgt, sowie
in der Marienkapelle am Markt und seit dem Jahr 1845 an Sonn- und
Feiertagen eine Zeitlang die Zehn-Uhr-Messe zu St. Gertraud „in der
Pleichach“ übernommen. Im Jahre 1900 kam noch die ständige
seelsorgliche Betreuung des König-Ludwig-Hauses hinzu.
Als
Antonie Werr im Jahre 1855 ihr großes Werk zur Betreuung
gefährdeter Mädchen ins Leben rief, stand der damalige
Guardian und spätere Provinzial P. Franz Ehrenburg als
Beichtvater und Berater mit seiner sachlich-ruhigen Art der Gründerin
zur Seite. Aus diesem Anfangswerk entstand dann in Oberzell die
Kongregation der „Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu“, die auf den
Satzungen des regulierten Dritten Ordens aufgebaut wurde. Seit der
Gründungszeit der Kongregation hat das Franziskanerkloster nicht
nur Exerzitienmeister gestellt, sondern übten und üben
heute noch im Mutterhaus Oberzell Minoritenpatres den Dienst der
Versöhnung im hl. Bußsakrament aus. Hier dürfen auch
die Bemühungen des damaligen Generalassistenten P. Timotheus
Brauchle nach dem Ersten Weltkrieg erwähnt werden, die
schließlich am 10. Februar 1936 der „Kongregation der
Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu“ die Anerkennung päpstlichen
Rechtes erbrachten. Dankenswerterweise übernahmen Schwestern der
Kongregation seit Beginn des Zweiten Weltkrieges, als viele
Laienbrüder des Minoritenordens zum Militärdienst
eingezogen wurden, die Küche des Franziskanerklosters und seit
dem Wiederaufbau des Studienseminars St. Valentin auch dort die
Haushaltsführung. Im Kloster Schönau und schließlich
bald nach Gründung des Kölner-Minoritenklosters versorgen
dort Schwestern dieser franziskanischen Gemeinschaft Küche und
Haushalt.
8. Seelsorge und
Wissenschaft im letzten Jahrhundert
Die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichnet im kirchlichen
Leben eine stärkere Hinwendung zur persönlichen
Frömmigkeit, die sich insbesonders in der Betrachtung des
Erlösungsgeheimnisses und in der Verehrung der Lieblingsheiligen
äußert. Außer der schon früher erwähnten
Betreuung des Dritten Ordens und der Unbefleckten
Empfängnis-Bruderschaft entstanden verschiedene Andachtsformen,
die sich des Zuspruches und des Besuches seitens des gläubigen
Volkes erfreuten. So, wurden besonders die Festnovenen und die
Oktaven in der Franziskanerkirche gepflegt. Im Jahre 1862 wurde in
der Würzburger Ordenskirche die Maiandacht eingeführt.
Später kamen noch die Andachten zur Verehrung des Hl. Herzens
Jesu an jedem ersten Freitag des Monats und während des ganzen
Herz-Jesu-Monats Juni hinzu. Während der Fastenzeit fanden
montags abends Fastenpredigt und Miserere-Andacht, an den Freitagen
der Fastenzeit Kreuzwegandacht statt. Gründonnerstag, Karfreitag
und Karsamstag standen im Zeichen des Hl. Grabes, das von den
Gläubigen gern besucht wurde. Außerdem seien die
vorbereitenden Novenen vor Pfingsten, die neun Antonius-Dienstage vor
dem Hauptfest des hl. Antonius von Padua, die Noveneandachten vor dem
Fest des hl. Vaters Franziskus, der Unbefleckten Empfängnis
Mariens und vor dem Weihnachtsfest die so genannte
„Christkindls-Andacht“ zu Ehren der hl. Kindheit Jesu erwähnt,
ferner die Oktaven zu Ehren des hl. Martyrerbischofs Valentinus sowie
die von Fronleichnam und Allerseelen. Diese zahlreichen
Andachtsformen während des Kirchenjahres hielten sich
größtenteils bis nach dem Zweiten Weltkrieg.
Im
Rahmen dieser Rückbesinnung auf 750 Jahre des Würzburger
Franziskanerklosters verdient der Ordenshistoriker P. Konrad Eubel
ein dankbares Gedenken. Er wurde am 19. Januar 1842 zu Sinning bei
Neuburg/Donau geboren. Mit 22 Jahren trat er in den Orden der
Franziskaner-Minoriten zu Würzburg ein. Im Jahre 1868 wurde er
zum Priester geweiht. Der junge Pater hatte zunächst keineswegs
vor, sich in besonderer Weise der Ordensgeschichte zu widmen. So war
er denn auch zuerst in verschiedenen Klöstern seelsorglich
tätig. Als er vierzig Jahre alt war, wandte er sich der
Geschichtsschreibung zu. Gewiss zeigten seine Abhandlungen keine
neuen ideengeschichtlichen Durchblicke auf. Seine
schriftstellerischen Arbeiten boten vielmehr das Ergebnis fleißiger,
sorgfältiger Sammelarbeit in zahlreichen Archiven dar. Seine
erste Schrift „Die Franziskanerkirche in Würzburg“ erschien
im Jahre 1882. Zwei Jahre später folgten in den
Veröffentlichungen des historischen Vereins für
Unterfranken „Die in der Minoritenkirche zu Würzburg
Bestatteten aus dem Adels- und Bürgerstande“. Im Auftrage des
damaligen Provinzials P. Franz Ehrenburg bearbeitete P. Konrad Eubel
den literarischen Nachlass seines Mitbruders P. Dominikus Grammer,
der am 5. April 1882 verstorben war. Hierauf veröffentlichte P.
Konrad Eubel sein erstes größeres Werk „Geschichte der
oberdeutschen Minoritenprovinz“ im Jahre 1886. Im folgenden Jahre
übersiedelte er als deutscher Pönitentiär zu St. Peter
nach Rom. Diesen Dienst versah er 18 Jahre. Dadurch gewann er Zutritt
zu den reichen Archiven der ewigen Stadt und wurde zugleich mit den
großen deutschen Theologen und Wissenschaftlern Denifle und
Ehrle bekannt. Ihr Rat beeinflusste segensreich sein zukünftiges
Schaffen. Im Jahre 1892 veröffentlichte P. Konrad Eubel das
„Provinciale Ord. Fratrum Minorum“, von 1898-1904 das „Bullarium
Franciscanum“ (= Franziskanische Urkundensammlung), Band V-VII,
1898-1910 die „Hierarchia Catholica medii et recentioris aevi sive
Summorum Pontificurri, S. R. E. Cardinalium, ecclesiarum Antistitum
series“ (= Die katholische Hierarchie des Mittelalters und der
Neuzeit oder die Namenslisten der Päpste, der Kardinäle der
hl. römischen Kirche und der Bischöfe der Welt), Bd. I-III,
im Jahre 1900 „Die avignonsche Oboedienz der Mendikantenorden“,
1906 „Geschichte der Kölner Minoritenprovinz“, als
Jubiläumsschrift im Jahre 1921 „Die 700jährige
Niederlassung der Franziskaner-Minoriten zu Würzburg“, wobei
er auch auf die gediegene Abhandlung seines Mitbruders Benvenut
Stengele „Geschichtliches über das
Franziskaner-Minoriten-Kloster in Würzburg“ vom Jahre 1900
zurückgreifen konnte. Es wären noch eine Reihe kleinerer
Schriften aus der Feder des P. Konrad Eubel zu nennen. Wegen seiner
kirchengeschichtlichen und ordensgeschichtlichen schriftstellerischen
Tätigkeit verlieh ihm die Universität Würzburg schon
im Jahre 1889 das Ehrendoktorat der Theologie. Vom Orden selbst wurde
er mit der Ernennung zum Generaldefinitor geehrt. Seinen Lebensabend
verbrachte P. Konrad Eubel im Minoritenkloster Würzburg, in dem
er, fast erblindet, im 82. Lebensjahr am 5. Februar 1923 starb.
Das
große Standard- und Sammelwerk „Hierarchia Catholica“ aber,
das P. Konrad Eubel begonnen hatte, wurde in der Folgezeit
weitergeführt. Schon im Jahre 1924 hatte P. Sigismund Brettle
den Auftrag erhalten, in Rom die Herausgabe weiterer Bände des
„Bullarium Franciscanum“ und der "Hierarchia Catholica“
vorzubereiten. Leider hinderte ihn daran seine Krankheit. Schließlich
beauftragte im Jahre 1936 der damalige Ordensgeneral P. Beda Heß
den P. Remiglus Ritzler und ferner P. Pirmin Sefrin aus unserer
deutschen Ordensprovinz mit der Weiterführung der Arbeiten.
Beide konnten dann, von der Unterbrechung des Zweiten Weltkrieges
abgesehen, in mühevoller, gemeinsamer Arbeit in den Archiven und
bei der Drucklegung die Herausgabe weiterer Bände der
„Hierarchia Catholica“ erfolgreich fortsetzen. So erschienen im
Jahre 1952 der 5. Band (Zeit von 1667-1730), 1958 der 6. Band
(1730-1799) und zuletzt im August 1968 der 7. Band (1800-1846).
Für
die Oberdeutsche Minoritenprovinz bedeuteten der Ausgang des 19. und
der Anfang des 20. Jahrhunderts eine verheißungsvolle
Vergrößerung. Im Jahre 1891 konnten nämlich in den
oberbayrischen Bergen bei Traunstein das Wallfahrtskloster Maria Eck
und im Jahre 1901 in Reisbach a. d. Vils/Niederbayern eine weitere
Niederlassung gegründet werden. Somit war die Ordensprovinz mit
dem Freiburger Konvent wieder auf sieben Klöster angewachsen.
Den
Ersten Weltkrieg, während dessen ein großer Teil des
Würzburger Konventes von der Heeresentlassungsstelle belegt
worden war, und die anschließenden „Spartakistenaufstände“
überstand das Franziskanerkloster gut. Unter dem Guardianat von
P. Ludwig Wedel (1920) hatte der Konvent 14 Patres und elf Brüder.
Im Jahre 1924 erwähnt die erste Nummer der neuen „Mitteilungen"
der Ordensprovinz 13 Patres, 13 Brüder und drei Brüderkandidaten
als Angehörige des Würzburger Klosters. Ferner werden noch
drei Professkleriker, vier Novizen und ein Kandidat genannt. Im Jahre
1926 wurde dann das Brüdernoviziat vorübergehend nach Maria
Eck und das Klerikat zeitweise wegen Platzmangels nach
Freiburg/Schweiz verlegt. Das Klerikernoviziat zog schließlich
am 22. August 1932 in die ausgebauten Räume des Dachgeschosses
des Klosters Schwarzenberg um.
Auch
während des nationalsozialistischen Regimes mit der Überwachung
und Bespitzelung des Konventes durch die Gestapo hätte die
Ordensprovinz dank des zunehmenden Klerikates der Zukunft ruhig
entgegensehen können. Allein der ausgebrochene Zweite Weltkrieg
mit den großen Verlusten an eingezogenen jungen Patres,
Klerikern, Laienbrüdern und Schülern des Studienseminars
zerstörte viele aufkommende Hoffnung.
Die
seelsorgliche Tätigkeit der Patres nahm in der
Franziskanerkirche selbst, aber auch in der näheren und ferneren
Umgebung Würzburgs nach dem Ersten Weltkrieg zu. Schon an der
gestiegenen Zahl der Osterbeichten lässt sich dies belegen.
Wurden in der österlichen Zeit des Jahres 1924 15000
Beichtzettel ausgegeben, so wurden im folgenden Jahr bereits 19000
gezählt. Im Jahre 1925 betrug die Zahl der in der
Franziskanerkirche eingesegneten Ehen 267, Kommunionen wurden 165000
ausgeteilt. Außer an den gewöhnlichen Sonntags- und
Festtagsaushilfen beteiligten sich die Patres des Würzburger
Franziskanerklosters erfolgreich an der Abhaltung von zahlreichen
Volksmissionen und Exerzitienkursen. Die großen Jubiläumsfeiern
des 700jährigen Wirkens der Franziskaner-Minoriten in Würzburg
(1921), die Gedenkfeiern des 700. Todestages des hl. Franziskus
(1926), des hl. Antonius von Padua (1931) und der hl. Elisabeth von
Thüringen (1931) wurden festlich unter großer Beteiligung
der Gläubigen begangen. Einen großen Aufschwung erlebte in
den zwanziger und dreißiger Jahren insbesondere der 3. Orden.
Es wurden eigene Jugendgruppen gebildet. Für das Jahr 1925
vermerkt die Würzburger Chronik: „Sieben Männer und 31
Frauen und Jungfrauen wurden in den 3. Orden aufgenommen. Die
Mitglieder in der Stadt belaufen sich auf 1500; auf dem Lande haben
wir 1800 Mitglieder in 70 Gemeinden.“ Auch die neu gegründete
Antonius-Bruderschaft nahm mit dem Jubiläumsjahr 1931 an
Bedeutung und Zahl zu. Für die Verbreitung franziskanischen
Gedankengutes sorgte die Provinzleitung durch die Gründung der
Monatszeitschrift „Franziskus-Glocken“. Sie erschien Januar 1925
zum ersten Mal. Ihr erster Schriftleiter war P. Amandus Meise, den
dann im Jahre 1927 P. Ambrosius Hartz ablöste. Der zur Förderung
des Missionsgedankens ins Leben gerufene „Missionskreuzzug“
zählte am 1. Januar 1926 in Würzburg 2400 erwachsene
Mitglieder und 215 Kinder, ferner 83 Förderer und Förderinnen.
Über
dieser im Würzburger Konvent geleisteten seelsorglichen
Tätigkeit darf nicht übersehen werden, dass der gesamten
Ordensprovinz nach dem Ersten Weltkrieg durch die Angliederung der
österreichischen Kustodie neue Aufgaben erwuchsen. 17 Patres und
zehn Brüder aus der Oberdeutschen Ordensprovinz wurden damals
für das seelsorgliche Wirken der österreichischen Konvente
und Pfarreien freigestellt. P. Venantius Kempf wurde außerdem
im März 1924 für die Seelsorge der deutschen Katholiken in
Posen/Polen, Br. Godfried May und Br. Peter Geissler zur Aushilfe im
Oktober 1926 an das Kloster Liverpool/England, ferner Br. Rufin Roth
einige Zeit zum Dienst an der Ordenskurie in Rom abgestellt. Dazu
kamen die zwei Neugründungen St. Felix in Neustadt/Waldnaab
(1925) und in Kaiserslautern, Maria Schutz (1926). Sie erforderten
zugleich Neubesetzung mit Patres und Laienbrüdern. Nimmt es
wunder, wenn der damalige P. Provinzial in den „Juni-Mitteilungen“
des Jahres 1926 mahnend an seine Mitbrüder schrieb: „Bei der
beschränkten Zahl von Religiosen in unserer Provinz werden an
Patres und Brüder jetzt manchmal große Anforderungen
gestellt. Halten wir aus im Steinbruch des Herrn, bis die Jugend an
unsere Stelle tritt. Ich beschwöre alle Mitbrüder, jeder
möge an seinem Posten aushalten, sich nicht heißen lassen,
sondern selber die Arbeit sehen und angreifen. Das gilt von der
Seelsorge und vom Beichtstuhl im besonderen…“
Über
all der geleisteten Arbeit der Patres und Brüder im äußeren
Aufbau der Minoritenprovinz wurde das, Ziel franziskanischen
Ordenslebens, nämlich der erlösende Dienst der inneren
Hingabe an Gott, nicht vergessen. Klöster sollen ja Stätten
der Gottesverehrung, des Gebetes, der Heiligung und des Apostolates
sein. Darin gipfelt auch die Mahnung des P. Provinzials in den
„Mitteilungen“ Nr. 6/1927: „Alle in den einzelnen Klöstern
übernommenen Frömmigkeitsübungen verdienen die
ernstliche Pflege. Nur so werden wir den aus dem Krieg und der
Revolution her uns anhaftenden Schäden begegnen… Wir sind es
der Kirche, dem Orden und uns selber schuldig; wir dürfen uns
nicht begnügen, zu sein wie alle anderen. Wir sind Ordensleute.
Der Pfingstgeist soll uns reinigen.“
Ein
Vorbild dieser aszetischen, franziskanischen Grundhaltung der Buße,
des Gebetes und des Apostolates war P. Franz Vogel, der am 17. Mai
1926, 21.30 Uhr im Franziskanerkloster zu Würzburg nach einer
kurzen Krankheit, fast 76jährig, zu Gott heimging. Er starb im
Rufe der Heiligkeit; denn er war ganz „Priester und Opfer“ nach
dem Vorbild des ewigen Hohenpriesters Jesus Christus. Der
Heimgegangene war am 29. August 1850 in Grünstadt/Pfalz als Sohn
einer armen, kinderreichen Familie geboren und erhielt in der Taufe
den Namen „Michae“. Gott rief den lernbegierigen, stillen Jungen
zum Priestertum. Am 17. August 1873 empfing Michael Vogel im
Kaiserdom zu Speyer die hl. Priesterweihe. Er wirkte zunächst
als Kaplan in Busenberg und Steinfeld.
Eines
Tages hörte der junge Kaplan von den Irrwegen eines
unglücklichen Priesters. Darüber wurde Michael zutiefst
erschüttert. Diese Nachricht ließ ihn nicht zur Ruhe
kommen. Er will und muss helfen! So bietet er dem Herrn selbst sein
eigenes Priesterleben als Sühne für den unglücklichen
geistlichen Mitbruder an. Durch das Pfälzer Kloster Oggersheim
kannte Michael die Franziskaner-Minoriten. Am 13. September 1877 trat
der 27jährige Kaplan zu Würzburg in den Minoritenorden ein
und erhielt den Namen „Franzl“.
Vom
Jahr 1890 an war P. Franz deutscher Beichtvater in Loreto/ltalien,
1909 bis 1911 Guardian in Schönau, 1912 in Würzburg. Dann
verweilte er wieder bis Pfingsten 1915 in Loreto. Von da kehrte er in
das Minoritenkloster Würzburg zurück und versah hier die
Ämter des Klerikermagisters, des Instruktors der Laienbrüder,
war Beichtvater und Bibliothekar.
P.
Franz Vogel, körperlich klein und schwächlich, führte
ein strenges Gebets-, Buß- und Opferleben in verborgener
Stille. Er zeichnete sich durch Armut und Demut, Gehorsam und
Abtötung, Geduld im Leiden, Gebet und durch brüderliche
Liebe aus. Gewissenhaft und segensvoll versah er insbesondere seinen
priesterlichen Dienst als Beichtvater in Loreto und in der
Valentinuskapelle zu Würzburg.
9. Das
Studienseminar Si. Valentin
In
der Sorge für Ordensnachwuchs und die Reich-Gottes-Arbeit
gründete die Provinzleitung schon während des Ersten
Weltkrieges in den Räumen des Würzburger
Franziskanerklosters ein „Studentat“ für Gymnasiasten. Der
Würzburger Konvent ertrug nicht nur den Lärm und die Unruhe
der Buben, sondern brachte für den Ordensnachwuchs bedeutende
Opfer. Unter großen Schwierigkeiten wurden im Jahre 1921 im
Dachstuhl des Hauses Umbauten vorgenommen, um dadurch geeigneten
Platz für das neu gegründete Knabenseminar St. Valentin zu
gewinnen. Studienpräfekt war P. Joseph Ruthig. Im Schuljahr 1924
betrug die Schülerzahl bereits 50. Sie stieg im folgenden Jahr
auf 68 und im Jahre 1926 sogar auf 112 Seminaristen, die das Alte
Gymnasium besuchten. Die Provinz kaufte daher im Jahre 1925 den
benachbarten Schönthalerhof, um der Raumnot abzuhelfen. Da
jedoch die Mieter das Haus nicht räumten, konnten die Räume
des Schönthalerhofes vorerst noch nicht bezogen werden. Die
Schränke mussten im Dachspeicher des Konventgebäudes
zusammengerückt werden, damit für das neue Schuljahr 1927
weitere Schüler aufgenommen werden konnten. Ab September 1927
gelang es endlich, einen Teil der Schüler in das umgebaute
Studienseminar an der Schönthalstraße umziehen zu lassen.
Die Schülerzahl war inzwischen auf 130 gestiegen. Als endlich
die letzten Mieter im Jahre 1932 ausgezogen waren, konnte das
Studienseminar voll ausgebaut werden. Die Räume des
Klosterdachgeschosses wurden nun für das eingeengte Klerikat
frei.
Während
der nationalsozialistischen Regierung schienen die Verhöre der
Schüler im Jahre 1937 durch die Gestapo bereits auf eine
beabsichtigte, gewaltsame Schließung des Studienseminars
hinzudeuten. Im September 1939 wurden dem Seminar St. Valentin noch
40 Schüler aus dem bischöflichen Knabenseminar des
Kilianeums zur Unterbringung zugewiesen. Seit 26. Februar 1940 wurden
Erdgeschoß und erster Stock von der Polizei beschlagnahmt. Mit
beendetem Schuljahr 1941 wurde dann das Studienseminar St. Valentin -
wie alle klösterlichen Schülerheime - durch staatlichen
Erlass endgültig geschlossen. Im Keller des Schönthalerhofes
richtete sich aber eine Luftwaffen-Spezialabteilung ein.
10. Zusammenbruch
und Wiederaufbau - Ausblick
Schon
am 3. März 1945, 20.20 Uhr, richtete sich ein feindlicher
Luftangriff gegen Kirche, Kloster- und Seminargebäude, die
schwer beschädigt, wenn auch noch nicht völlig zerstört
wurden. Die Bombennacht am 16. März 1945 verwandelte ganz
Würzburg in ein Flammenmeer und in einen Trümmerhaufen. Das
Innere der Franziskanerkirche brannte vollkommen aus und verlor in
allen drei Schiffen ihr Gewölbe. Zugleich wurde in der Kirche
der größte Teil der Bücher der Klosterbibliothek, die
seit dem 3. März 1945 dorthin zum Trocknen gebracht worden
waren, vernichtet. Von den großen Rundpfeilern der Schiffe
überlebten nur die zwei vordersten die Katastrophe. Die Gebäude
des Konventes, zum großen Teil von der Wehrmacht belegt, und
das Studienseminar St. Valentin fielen den Spreng- und Brandbomben
zum Opfer. Was übrig blieb, waren ein formloser Trümmerhaufen
und gähnende Außenmauern. Von den Konventsangehörigen
selbst war in den Kellern mit ihren starken Gewölben niemand zu
Schaden gekommen.
Nach
dem Einmarsch der amerikanischen Truppen Anfang April 1945 bezogen P.
Benvenut, P. Bertram, P. Eustach und Br. Severus als erste die
erhaltenen Keller des Studienseminars als Notunterkunft. Da die
Valentinuskapelle gerettet worden war, konnte bereits Mitte April
dort wieder Gottesdienst abgehalten werden. Wochen und Monate der
Schutträumung vergingen, bis schließlich im
September/Oktober 1945 die Valentinuskapelle überdacht und bis
Dezember 1945 Sakristei und Valentinussaal vom Schutt gesäubert
werden konnten. Bereits im Jahre 1946 konnte das erhaltene Gewölbe
des Chores ebenfalls überdacht werden. Im Jahre 1947 wurde unter
großen Schwierigkeiten und Materialmangel mit dem Aufbau des
Klosterostflügels begonnen, so dass nach der Währungsreform
des Jahres 1948 die Patres und das Klerikat einen Teil des Hauses
beziehen konnten. Nun ging es an den Wiederaufbau der Kirche. Unter
Leitung des Diplom-Ingenieurs Gustav Heinzmann war es gelungen, schon
vor der Währungsreform aus Stahlrohren, die als Kanonen
verarbeitet werden sollten, und aus unbrauchbaren Trägern einer
gesprengten Brücke durch die Firma Noell eine Eisenkonstruktion
anzufertigen und die Kirche überdachen zu lassen. Der Boden im
Inneren der Kirche wurde eingeebnet und ein Notaltar in der
überdachten Kirche aufgestellt. Dort feierten dann die Minoriten
mit ihrem Diözesanbischof Dr. Julius Döpfner am 15. August
1949 dankbaren Herzens das 700jährige Gedächtnis der
Erbauung der Franziskanerkirche. Im folgenden Jahr wurde der Chor der
Kirche für den Gottesdienst an den Sonntagen hergerichtet.
Gleichzeitig wurde der Dachstuhl des neu gebauten Ostflügels des
Klosters für die Aufnahme des wieder gegründeten Seminars
St. Valentin ausgebaut. Ein Teil der aufgenommenen Schüler hatte
nach dem Krieg im Kloster Schwarzenberg, ein anderer in der
Notunterkunft der ehemaligen Seminarkapelle zu Würzburg
Notquartier erhalten. Als der in den Garten vorspringende Ostflügel
des Konventsgebäudes hergestellt worden war, wurde im Jahre 1952
das Langhaus der Kirche mit den zur Verfügung stehenden
bescheidenen Mitteln als Hallenkirche ausgebaut. An Stelle der Decke
fügte man ein eisernes Gitterwerk ein, das den Blick in den
offenen Dachstuhl gestattet. Danach erhielt die Kirche im Jahre 1954
eine Orgeltribüne mit einer kleinen Orgel, die im folgenden Jahr
durch eine große Orgel ersetzt wurde. Noch im Jahre 1954 wurde
ein neues Chorgestühl im Chor der Kirche aufgestellt. An Stelle
des bisherigen Notaltars wurde ein Hochaltar aus Muschelkalk
errichtet, der auf der Vorderseite das Relief des Lammes und zweier
Hirsche an der Quelle darstellt. Er wurde 1968 im Rahmen der
Liturgieerneuerung unter den Triumphbogen der Kirche gesetzt. Der
neue Tabernakel des Hochaltars aus der Werkstätte des
Goldschmiedemeisters Amberg fand hernach auf dem Antoniusaltar
Aufstellung.
Nachdem
der Fußboden der Kirche mit Muschelkalkplatten belegt worden
war, weihte der Diözesanbischof Dr. Julius Döpfner am 16.
Oktober 1954 Altar und Chorraum ein. Der Kirchenmaler Rabolt setzte
im Jahre 1955 in die Ostwand des Chores ein bemaltes Fenster, in
dessen einzelnen Feldern Ereignisse aus dem Leben der Ordensheiligen
und des Kreuzes dargestellt sind. Schließlich wurde dieses
Ostfenster im März 1961 um zwei Meter nach unten und mit zwei
Bildreihen verlängert. Noch im Jahre 1955 wurden die von der
Firma Hugo Hemm gestiftete Kanzel, vom Bildhauer Sonnleitner
geschaffen, und die überlebensgroße Statue des hl.
Antonius von Padua, von Bildhauer Henn gefertigt, in der Kirche
aufgestellt. Schließlich konnte am ersten Adventssonntag die
eingebaute elektrische Bankheizung in Betrieb genommen werden.
Nach
Abschluss der Verputzer- und Steinmetzarbeiten an der Außenfront
der Kirche und des Hauses (1957) wurden bereits in den Jahren
1958/1960 Fundamente, Kelleranlagen und Erdgeschoß des Süd-
und Westflügels erstellt und die Warmwasserheizung des Konventes
eingerichtet. 1959/1960 wurden die zerstörten nördlichen,
südlichen und westlichen Anlagen des Kreuzganges wieder
sorgfältig aufgebaut und mit einer offenen Holzbalkendecke in
früherer Form überdacht. Auch der beschädigte östliche
Kreuzgang wurde stilgerecht renoviert. Dann erfassten die
Renovierungsarbeiten die Valentinuskapelle, die 1962/63 mit neuen
Beichtstühlen, neuer Beleuchtung, neuem Plattenbelag und
Altartisch, neuen Bänken und einem wertvollen Vortragskreuz
ausgestattet wurde. In den Jahren 1963/65 kamen Aufbau und
Ausstattung des 1. und 2. Stockwerks und des Dachgeschosses im Süd-
und Westflügel des Klosters an die Reihe, um für Konvent,
Provinzialat, Klerikat und Schwestern mehr Räume zu schaffen. Im
Westflügel wurde wie früher die dreigeschossige
Klosterbibliothek mit modernen Eisenregalen errichtet. Schließlich
wurde nach dem Ausbau der notwendigen Garagen und Gartenhalle, der
Kanalisation und der Asphaltierung des Klosterhofs der letzte
Bauabschnitt am 19. Juni 1967 mit dem Abbruch des alten,
behelfsmäßigen Hauschores, der Sicherung der Gewölbe
über der Valentinuskapelle und der Errichtung des jetzigen
Hauschores begonnen. Diese Arbeiten konnten bis zum Provinzkapitel im
Juli 1968 glücklich beendet werden.
Im
Jubiläumsjahr 1971 setzte die Innenrenovierung der Klosterkirche
einen vorläufigen Schlusspunkt unter die Geschichte des
Wiederaufbaues und der Renovierung von Kirche und Konvent. Diese
gewaltigen Aufbauleistungen innerhalb eines Vierteljahrhunderts seit
dem Zusammenbruch 1945, unter dem Guardianat von P. Eustach Frei
begonnen, fortgeführt unter dem Guardianat von P. Hilarius
Breitinger, P. German Heß, P. Benno Heer, P. Faul Meindl und P.
Meinrad Sehi, des jetzigen Provinzials, waren nur möglich, weil
der Konvent von vielen edlen Freunden, Helfern und Wohltätern
des Hauses, vom gläubigen Frankenvolk, den Diözesen, Staat
und Stadt finanziell unterstützt wurde. Die gedeihliche
Zusammenarbeit von Konvents- und Provinzleitung, die trotz Gründung
weiterer Ordensniederlassungen in Schweinfurt (1945), Ratingen
(1954), Köln (1954), Bonn (1957), des Wiederaufbaues des
Studienseminars St. Valentin in Würzburg (1953/54), des Aufbaues
des Spätberufenenseminars in Bamberg (1961), des Wiederaufbaues
des niedergebrannten Klosters Schwarzenberg (1960/62), und des
Aufbaues des Seminars St. Ludwig in Bonn (1969) die Anliegen des
zerstörten Hauptklosters Würzburg nicht vergaß, muss
hervorgehoben werden. Schließlich trugen die Bemühungen
aller Konventsangehörigen, insbesondere die der Terminbrüder
durch ihre unverdrossene Sammeltätigkeit, zum Gelingen des
Wiederaufbaues maßgebend bei.
Es
lässt sich abschließend für alle Jahrhunderte
franziskanischer Wirksamkeit in der Kiliansstadt sagen: Ohne die
schlichte Arbeit unserer Laienbrüder, die als Sakristan,
Pförtner, Terminbruder, Hausmeister, Koch, Gärtner,
Schuster, Schneider, Krankenpfleger und in anderen Bereichen die
seelsorgliche Tätigkeit der Patres, insbesondere durch Gebet und
Opfer, unterstützten, kann man 750jähriges Wirken der
Minderbrüder in Würzburg gar nicht denken.
Nach
dem Zweiten Weltkrieg aber führten die Patres an der
Ordenskirche, auf Aushilfen, Volksmissionen, Exerzitien, in
Schwesternhäusern, im Studienseminar, durch Predigt,
Beichttätigkeit, Unterricht und Krankenseelsorge das
franziskanische Apostolat in und an der Welt weiter. Auch in der
Gegenwart erfüllt damit das Franziskanerkloster Würzburg
die Sendung, den Menschen „Frieden und Heil“ zu bringen.
Im
Jubiläumsjahr 1971 zählt der Konvent 18 Patres, 15 Brüder,
5 Kleriker und einen Novizen aus der eigenen Ordensprovinz. Außerdem
haben einige Gäste aus anderen europäischen Ländern im
wiedererstandenen Franziskanerkloster Würzburg gastliche
Aufnahme gefunden.
Ausblick
Was
wollte der Rückblick auf die 750jährige Geschichte der
Franziskaner-Minoriten in Würzburg an Erkenntnis vermitteln? Der
Publizist W. Dirks ist der Meinung, „dass wir ohne wahres
geschichtliches Bewusstsein für die Zukunft nicht frei sind“;
denn durch das geschichtliche Bewusstsein wird „der Weg, den wir
gegangen sind, auf eine neue Weise erhellt“, und es fällt auch
„Licht auf die nächsten Stadien des Weges, den wir zu gehen
haben“. Die Minderbrüder des hl. Franz müssen darum an
der Vergangenheit der Ordensgeschichte eines Konventes ihre Leitideen
zur franziskanischen Berufung und Christusnachfolge überprüfen.
Franziskanische Wirksamkeit wird auch in Zukunft für das Reich
Gottes Segen bedeuten, wenn sie dazu bereit sind, im Geiste des hl.
Franz von Assisi das Mindersein und die Brüderlichkeit als
Grundform des Christen den Brüdern und Schwestern in der Welt
vorzuleben.
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