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Franziskaner-Minoriten Würzburg

 

 

750 Jahre Franziskaner-Minoriten in Würzburg


Von P. Bernward Bauer OFM Conv.



1. Gründungszeit bis 1249


Erfahrungsgemäß wird nur derjenige die Zukunft meistern, der die Werte und die Gesetze der Vergangenheit kennt, kritisch prüft und daraus seine Lehren zieht. Anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Niederlassung der Minderbrüder in Würzburg ist eine Rückschau und dankbare Besinnung angebracht, auch wenn unsere Blickrichtung vorwiegend in die Zukunft geht. Noch heute, im ausgehenden 20. Jahrhundert, dürfen wir froh und dankbar anerkennen, dass die franziskanische Bewegung auf die äußere und innere Erneuerung der Kirche mitprägend und mitgestaltend gewirkt und auch dem kirchlichen Leben in der Frankenmetropole Würzburg befruchtende Anregung gegeben hat. Zugleich ist die leider nur lückenhaft erforschte Geschichte des Würzburger Franziskanerklosters mit ihrem Auf und Ab ein Spiegelbild dessen, was sich an Aufbau, Fortentwicklung, Prüfung und Neubeginn ganz allgemein im kirchlichen Leben der Stadt und auch der deutschen Diözesen im Laufe der Jahrhunderte vollzogen hat.

Die Gründung des Minderbrüderordens des hl. Franziskus und auch die Ankunft seiner Brüder in Würzburg fällt in eine Zeit sozialer Umwälzung und religiöser Gärung. Andererseits ist sie gekennzeichnet durch die zu Ende gehende Naturalwirtschaft mit dem Umtausch von Ware gegen Ware. Die einfache Lebensführung und die Bedürfnislosigkeit wurden gerade in den Städten um das Jahr 1200 von der nun allenthalben aufkommenden Geldwirtschaft und dem aufblühenden Handel verdrängt. In den Verkehrs- und Handelsmittelpunkten, zu denen auch die Bischofsstadt Würzburg gehörte, trat eine geradezu revolutionäre Entwicklung des Wirtschaftslebens ein. Mit fieberhafter, rücksichtsloser Erwerbssucht wurde das Geld als Grundlage des beginnenden Kapitalismus und der Kreditwirtschaft und zugleich als neuer Wertmaßstab angesehen. In diese Zeit des beginnenden 13. Jahrhunderts fallen die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst, die Ansätze zu neuen Kreuzzügen zur Befreiung der heiligen Stätten in Palästina, die Privatkriege und Fehden einzelner Fürsten und Landesherren untereinander und gegeneinander. Je wilder sich jedoch die Ichsucht, die Geldgier und Streitlust gebärdeten, umso mehr erfüllte eine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Selbstentäußerung und duldender Liebe die Gemüter der Edelgesinnten.

In dieser Übergangszeit zu neuen Formen menschlichen Umgangs und zu neuen geistigen, politischen Gestaltungen wurde der Wunsch zum Einfachen, Schlichten, zur Anspruchslosigkeit und Verinnerlichung des religiösen Lebens dringend und lauter geäußert. Die kirchlichen Stiftungen und Pfründestellen waren im Laufe der Zeit sehr zahlreich geworden. Der gesunde Sinn aller kirchlichen Reformkräfte sah in dem großen Reichtum und in der weltlichen Macht der Kirche eine ernste Gefahr, welche dann auch manche unüberlegte Schwärmer und Fanatiker in blindem Reformeifer heraufbeschworen, indem sie die Autorität der Kirche selbst gefährdeten.

In einer solchen Epoche des Umbruchs gründete der hl. Franz von Assisi, der Sohn eines italienischen Großkaufmanns, seine Brüderschaft von der Buße. Als sich seine Zeit mit dem Kapitalismus auf Gedeih und Verderb verband, vermählte er sich mit seiner Braut, der Armut. Dieser Orden der Minderen Brüder, den Franziskus im Jahre 1209/10 von Innozenz III. mündlich bestätigen ließ, sollte seine Mitglieder im Geiste des Evangeliums, im Geiste der Gottes- und Nächstenliebe, zu Demut und Buße, zur evangelischen Armut und Treue zur Kirche, zu echter Brüderlichkeit und zu Friedensboten für ihre Sendung in die Welt ausrüsten und befähigen. Der Gründer griff den Missionsgedanken und die Missionierung der islamischen Gebiete wieder auf. Im Jahre 1217 überschritt der Orden bereits die Grenzen Italiens.

Auf dem Pfingstkapitel 1219 wurden die ersten Minderbrüder unter Führung des Bruders Johannes von Penna nach Deutschland gesandt, die freilich wegen der Unkenntnis der deutschen Sprache unverrichteter Dinge wieder nach Italien zurückkehren mussten, nachdem sie mancherlei Misshandlungen erlitten hatten. Auf dem großen Generalkapitel des Jahres 1221 wurde aber ein neuer Start nach Deutschland gewagt. Unter den vielen Freiwilligen wurden 12 Kleriker und Priester und 13 Laienbrüder ausgewählt, die unter dem Deutschen Cäsar von Speyer und dem sprachkundigen Barnabas am 29. September 1221 von Trient aus den Marsch über die Alpen nach Deutschland antraten. Etwa um das Fest des hl. Gallus (16. Oktober) trafen sie, wie zuvor vereinbart, in Augsburg zusammen, wo in Anwesenheit von 31 Brüdern das erste Kapitel auf deutschem Boden abgehalten wurde. Von da aus schickte Bruder Cäsar, der erste Provinzial, Brüder nach verschiedenen Richtungen, wie z. B. nach Regensburg und Salzburg. Die beiden sprachgewandten Brüder Johannes von Piano de Carpine und Barnabas schickte er aus nicht näher angegebenen Gründen eiligst als Prediger und Quartiermacher nach Würzburg voraus, wo sie wohl Ende Oktober oder Anfang November 1221 ankamen. Bruder Cäsar selbst traf dem Bericht der Chronik zufolge mit der Hauptgruppe der Brüder erst einige Tage später in der Bischofsstadt ein.

Der dortige Bischof Otto von Lobdeburg (1207-1223) nahm die ersten Minderbrüder wohlwollend auf und wies ihnen als vorläufige Niederlassung die St. Bartholomäusklause an, die an der Stelle des heutigen Priesterseminars oder der St. Michaelskirche, unmittelbar an der damaligen Stadtgrenze lag. Schon am Feste des hl. Andreas (30. November) wurden drei Würzburger in den Orden aufgenommen und eingekleidet. Der Chronist Jordan von Giano berichtet darüber: Bruder Cäsar „nahm dort einen begabten und gebildeten jungen Mann mit Namen Hartmuth in den Orden auf. Die Italiener konnten seinen Namen nicht aussprechen und nannten ihn Andreas, weil er am Festtag des seligen Andreas (30. November) in den Orden aufgenommen wurde. In kurzer Zeit wurde er Priester und Prediger und wurde später zum Kustos von Sachsen bestimmt. Ebenfalls nahm Bruder Cäsar einen Laien namens Rüdiger auf, der später zum Guardian von Halberstadt gemacht wurde und die selige Elisabeth als Lehrer in der geistlichen Wissenschaft unterwies, Keuschheit, Demut und Geduld zu bewahren, im Gebet zu verharren und in Werken der Barmherzigkeit sich abzumühen. Außerdem nahm er auch einen Laien namens Rudolf auf“.

Nach der Gründung der Niederlassung in Würzburg wanderte die Mehrzahl der Minderbrüder mainabwärts und gelangte nach Mainz. Von hier aus erfolgte dann noch im Jahre 1221 die Gründung der Konvente Worms und Speyer, während die Errichtung der Ordensniederlassungen in Straßburg, Köln und Hagenau im Elsass bereits in das Jahr 1222 fällt. Von dem bedeutsamen Kloster in Straßburg erhielt später die oberdeutsche Ordensprovinz auch den Namen „Straßburger Provinz“.

Im Jahre 1222 hatte der damalige Provinzial Bruder Cäsar von Speyer bereits so viele deutsche Brüder, Kleriker und Laien, in den Orden aufgenommen, dass er in Worms das erste deutsche Provinzkapitel abhalten konnte. Danach kehrte Bruder Cäsar nach Italien zurück, wurde auf dem Generalkapitel in Portiunkula auf eigenen Wunsch als Provinzial abgelöst und durch Bruder Albert von Pisa ersetzt. Dieser berief im folgenden Jahr 1223 das zweite Provinzkapitel auf Mariä Geburt nach Speyer ein. Auf diesem Kapitel beriet man insbesondere über die Lage und die weitere Verbreitung des Ordens. Es wurden hier für vier abgegrenzte Gebiete Kustoden bestimmt. Das nächste dritte Provinzkapitel fand im Jahre 1224 in Würzburg auf das Fest Mariä Himmelfahrt statt zu dem die Kustoden, Guardiane und Prediger berufen wurden. Da der Orden im Elsass, in Sachsen, Braunschweig und im Rheinland weitere Fortschritte erzielt hatte, wurden unter Führung des Mainzer Guardians Jordan von Giano sieben Brüder nach Thüringen gesandt, um dort geeignete Niederlassungen zu gründen. Unter den ausgesandten Brüdern befanden sich der Chronik des Bruders Jordan von Giano zufolge auch zwei Brüder aus Würzburg namens Konrad, Subdiakon und Novize, sowie der Klerikernovize Arnold.

In den darauf folgenden Jahren wurde die deutsche Ordensprovinz infolge des raschen Zuwachses neu gegliedert. Bei der letzten Aufteilung der weit ausgedehnten Provinz in eine Oberdeutsche oder Straßburger und in eine Niederdeutsche oder Kölnische Ordensprovinz, die nach dem Stand der neuesten Forschungen zwischen den Jahren 1246 und 1264 erfolgte, kam die Würzburger Niederlassung zur Oberdeutschen Provinz.

2. Die Seelsorge der Franziskaner nach ihrer Übersiedlung


Über das Leben und Wirken der Minderbrüder an ihrem ersten Wohnsitz liegen so gut wie keine Nachrichten vor. Lediglich aus der Urkunde vom 13. November 1245 ist ihre besondere Verbundenheit mit dem armen Volk und den Leprosen zu ersehen. Infolge des starken Anwachsens der Brüderschaft erwies sich die bisherige Unterkunft sowie das Oratorium bald als viel zu klein. Nur so lässt sich erklären, dass sie nach etwa 28 Jahren aufgrund der beengten Wohnverhältnisse gezwungen waren, sich eine bessere und geräumigere Wohnung zu suchen. Bischof Hermann I. von Lobdeburg (1225-1254), der ihnen zeitlebens sein besonderes Wohlwollen schenkte, genehmigte laut Urkunde vom 27. November 1249 den Minderbrüdern, die „mehrere Jahre unter vielen Unbequemlichkeiten und nicht zu sagenden Beschwernissen zu leiden hatten wegen der Beschränktheit und Ungeeignetheit ihres bisherigen Aufenthaltsortes“ die Übersiedlung an den neuen Platz unmittelbar neben der bereits bestehenden Valentinuskapelle. Außerdem kaufte er für sie mehrere Höfe und Grundstücke in der nächsten Umgebung und schenkte sie den Brüdern zum Bau eines neuen Klosters und einer Kirche. Die bisherige alte Niederlassung bei der St. Bartholomäusklause überließ er im Februar 1250 ehemaligen Beginen, welche zunächst auf die Regel des hl. Augustinus verpflichtet waren. Nachdem diese innerhalb kurzer Zeit - wohl auf Drängen der Minoriten - die Klarissenregel angenommen hatten, erhielt diese alte Niederlassung den Namen St. Agnes bzw. Agnetenkloster. Es wurde bis zu seinem allmählichen Aussterben im Gefolge der Reformation von den Minoriten seelsorglich betreut.

Der Baubeginn der groß angelegten Franziskanerkirche, direkt neben der alten Valentinuskapelle, dürfte wohl noch im Jahre 1249 stattgefunden haben. Diese Annahme stützt sich auf eine Inschrift, die sich lange Zeit im Chorraum der Kirche befand. Sie lautete: „Bischof Hermann von Lobdeburg eröffnete für den Orden des hl. Franziskus diese Kirche im Jahre 1249 und fügte ein größeres Gelände hinzu“. Unter „Eröffnung“ kann wohl nur die Grundsteinlegung gemeint sein, da nach einer anderen, allerdings unsicheren Nachricht, für die Fertigstellung der Kirche bzw. des Chores das Jahr 1254 angegeben wird.

Die Kirche wurde als dreischiffige Basilika in sehr einfachem frühgotischem Stil, dem so genannten „Minoritenstil“ erbaut. Das dreiteilige Kirchenschiff war ursprünglich mit einer flachen Holzdecke versehen. Auch das Kirchendach, das von zehn wuchtigen runden Säulen getragen wurde, war dreiteilig. Der bereits von Anfang an eingewölbte Chor der Kirche fällt durch seine ungewöhnliche Länge auf, die zwei Drittel der Gesamtlänge des Kirchenschiffes beträgt. Nach den Bestimmungen des Ordens sollte er nicht nur für die Abhaltung des gemeinsamen Chorgebetes, sondern auch für den Gottesdienst der klösterlichen Kommunität dienen. Zwischen dem Chorraum und dem Kirchenschiff befand sich einige Jahrhunderte hindurch der so genannte „Lettner“, der die ganze Breite des Chores einnahm. Von einer Chororgel, die auf dem breiten Lettner aufgestellt war, erfahren wir erst im Jahre 1483. Der Hochaltar für den Gottesdienst des Volkes stand zuerst vor der Chorwand des Lettners, wie er noch in der ehemaligen Minoritenkirche zu Rothenburg ob der Tauber erhalten ist. Im Mauerwerk zwischen Haupt- und Seitenschiffen sicherten beiderseits je sechs Rosettenfenster eine günstige Oberbeleuchtung. An der Westfront befand sich das noch erhaltene große, viergeteilte Fenster, das bis zur Decke reichte. Die Fenster der Seitenschiffe und im Chorraum sowie ein dreigeteiltes Fenster an der Ostfront waren niedriger. Die Südostecke des Chores zierte ein Türmchen mit einer Glocke.

Gleichzeitig mit dem Kirchenbau wurde auch das Konventsgebäude mit Erdgeschoß und einem darüber liegenden Stockwerk errichtet. Zusammen mit der Südseite der Kirche und der sich nach Osten anschließenden Valentinuskapelle bildeten der Ost-, Süd- und Westflügel des Konventsgebäudes ein Viereck. Ein Kreuzgang, der den Innengarten umschloss, führte in einfachem gotischem Stil um die drei Klosterflügel und um die Südseite der Kirche herum. Er war ursprünglich weder eingewölbt noch irgendwie überbaut von Klosterräumen.

Noch heute sind wir erstaunt, in welch kurzer Zeit die Minderbrüder den Bau der neuen Kirche und ihres Klosters ermöglichen konnten. Die außergewöhnliche Verbundenheit mit allen Schichten des Volkes kam ihnen dabei zugute. Abgesehen vom Erwerb einiger Stiftungen und angrenzender Grundstücke, wie z. B. eines Teiles des Schönthaler Hofes, zur Vergrößerung und Abrundung des Geländes, hören wir bis zur Zeit unter Julius Echter von Mespelbrunn von keinen größeren Baumaßnahmen des Minoritenklosters Würzburg. In der neu errichteten Niederlassung setzten nun die Minderbrüder mit großem Eifer ihre seelsorgliche Tätigkeit in Stadt und Land während der folgenden Jahrhunderte fort.

Die volksnahe Seelsorgstätigkeit der Würzburger Minoriten, denen einige Zeit später auch die Dominikaner, Augustiner und Karmeliten folgten, erwies sich allenthalben als eine willkommene Ergänzung und Bereicherung der Pfarrseelsorge, die bisher fast ausschließlich von dem Amtsklerus ausgeübt wurde. Die Bettelmönche, die als „Arme-Leut-Priester“ unter das breite Volk kamen und auf dessen Mildtätigkeit angewiesen waren, übten zudem einen wohltuenden Einfluss auf das kommunale Leben der Stadt aus. In seltenem Vertrauen und Wohlwollen begegnete die Bevölkerung der Bischofsstadt Würzburg und der Umgebung den Minderbrüdern, die nach dem Vorbild ihres Ordensvaters auch die Pflege und Seelsorge bei den Aussätzigen übernahmen. Leprosenhäuser gab es damals in der Nähe fast aller Städte. Aber die leibliche und geistige Betreuung der Aussätzigen ließ meistens sehr zu wünschen übrig. So beauftragte der Papst Innozenz IV. in einem Schreiben vom 13. November 1245 an den Kustos der Minderbrüder in Würzburg den Bruder Ambrosius oder einen anderen Bruder mit der Wahrnehmung der Leprosenseelsorge in der Diözese Würzburg. Ferner wird im Jahre 1333 der Würzburger Minderbruder Werner von Rothenburg als Prokurator des Siechenhauses Wöllrieder Hof zwischen Würzburg und Rattendorf genannt.

Da die Seelsorgsaufgaben und beiderseitigen Rechte des Welt- und Ordensklerus damals noch nicht im heutigen Sinne abgegrenzt waren, kam es bald infolge der vielfältigen Seelsorgstätigkeit der Minoriten und der anderen Mendikantenklöster, die sich zudem auf die zahlreichen Privilegien der ihnen wohlgesinnten Päpste beriefen, zu mancherlei Reibereien und Zwistigkeiten mit dem Würzburger Pfarrklerus. Dieser beklagte sich mehrfach wegen der Übergriffe der Bettelmönche in die angestammten Pfarrechte und wegen der Einbußen an Stolarien und Opfergaben beim Bischof oder Papst.

Von seinem schon frühzeitig erteilten Begräbnisrecht machte das Würzburger Minoritenkloster reichlich Gebrauch. Während die eigenen Konventsangehörigen meistens im Kreuzgang beigesetzt wurden, waren Kirche und Friedhof auf der Nordseite der Kirche und dem heutigen Franziskanerplatz eine beliebte Beerdigungsstätte angesehener Würzburger Bürger, bedeutender Persönlichkeiten und des fränkischen Adels. Einige wenige noch erhaltene Grabdenkmäler und Grabplatten in der Kirche legen davon Zeugnis ab.

Bis zum Jahre 1804 blieben Kirche und Friedhof nördlich und östlich der Kirche als Begräbnisstätte erhalten. Dann musste der Friedhof einer Straßenerweiterung und der Anlage des Franziskanerplatzes weichen.

Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen des Pfarrklerus um die Privilegien der Minderbrüder bestellten die Päpste im 13., 14. und 15. Jahrhundert aus den deutschen Diözesanbischöfen Konservatoren als „Wahrer und Hüter“ der Minderbrüderrechte und zu deren Verteidigung. Gar manche Bischöfe betrachteten sich als Konservatoren der Minderbrüder oder wurden auch als solche ernannt. So finden wir nachweislich unter den Konservatoren die Namen folgender Würzburger Bischöfe wie Gottfried von Hohenlohe, Qtto von Wolfskeel, Albert von Hohenlohe, Gerhard von Schwarzburg, Johann von Egloffstein und Johann von Grumbach.

Rückblickend auf die seelsorgliche Tätigkeit, die Pflege von Gelehrsamkeit und Wissenschaft während des 13. bis 16. Jahrhunderts muss vom Würzburger Minoritenkloster erwähnt werden, dass es der Diözese nicht nur Dombeichtväter, sondern auch einige Weihbischöfe stellte. Von den Angehörigen des Würzburger Klosters versahen unter anderem das Amt des Weihbischofs in der Diözese Würzburg: Johann Opfinger, Titularbischof von Hebron, gestorben am 22. Februar 1394; Hermann, Titularbischof von Akkon, gestorben am 8. September 1450; Johannes Hutter, Titularbischof von Nikopolis, gestorben am 25. Dezember 1478; Georg Antworter, Titularbischof von Nikopolis, gestorben am 17. März 1499.

3. Stiftungen, Bruderschaften und besondere Ereignisse


Zu den ältesten Stiftungen, die der Franziskanerkirche im 14. Jahrhundert zuteil. wurden, gehörte die Stiftung eines ewigen Lichtes im Chor der Kirche und am St. Michaelsaltar.

Eine Seelsorge besonderer Prägung übten die Würzburger Minderbrüder in der Betreuung des Dritten Ordens des hl. Franz, der Bruderschaften und Zünfte aus, die in der Klosterkirche ihren Gottesdienst abhielten. Die älteste, urkundlich nachgewiesene Bruderschaft war die zu Ehren des hl. Valentinus, die im Jahre 1547 erloschen ist. Aus dem Jahre 1426 haben wir Nachricht von der Zunft der Kesselschmiede, Drechsler, Wagner, Plattner (Spengler) und Hufschmiede.

Unter den vielen kirchlichen Feiern und Festtagen, welche die Minoritenkirche zu Würzburg sah, sind die jährlichen Ordensfeste des hl. Franziskus, des hl. Antonius von Padua und der hl. Klara zu nennen.

Im Jahre 1441 kam der berühmte Kardinal Nikolaus von Cues nach Würzburg, um das Domkapitel für Papst Eugen IV. zu gewinnen. Da dem Kardinal die Domkanzel verweigert wurde, predigte er in der Franziskanerkirche. Als im Jahre 1454 der hl. Johannes Kapistran, ein bekannter Kreuzzugsprediger und Vorkämpfer der strengeren franziskanischen Richtung, im Auftrag des Papstes Nikolaus V. den Kreuzzug gegen die Türken in Würzburg predigte, wohnte er während seines Würzburger Aufenthaltes bei seinen Mitbrüdern, die der milderen Richtung angehörten. Aus den spärlich fließenden Nachrichten der damaligen Zeit geht aber nicht hervor, ob sich der Heilige auch hier bemüht hat, den Würzburger Konvent für die Observanten zu gewinnen.

Außer dem schon erwähnten dritten Provinzkapitel im Jahre 1224 fanden zu Würzburg weitere Provinzkapitel in den folgenden Jahren 1287, 1302,

1316, 1331, 1364 und 1407 statt.

Die Reformation unter Martin Luther und die damit zusammenhängenden Wirren scheinen zwar den Würzburger Konvent der Minoriten nicht unmittelbar berührt zu haben. Aber die Zahl der Klosterangehörigen wurde im 16. Jahrhundert immer kleiner, so dass im Jahre 1559 drei Patres und etliche Jahre später nur mehr zwei dem Würzburger Franziskanerkloster angehörten.

Während des Bauernkrieges wurde das Kloster von den aufständischen Bauern und von den gegen ihren Bischof revoltierenden Bürgern Würzburgs besetzt und diente ihnen als Hauptquartier. Nach Niederwerfung des Aufstandes stellte P. Guardian Blasius Kern, der mit einem Mitbruder bei der bischöflichen Besatzung auf der Marienfestung ausgehalten hatte, beim Fürstbischof Anspruch auf Schadensersatz von mehreren hundert Gulden. Die Bürgerschaft der Stadt musste denn auch allen verursachten Schaden im Kloster bezahlen.

In die Regierungszeit des Fürstbischofs Friedrich von Wirsberg fällt der heimtückische Überfall des Wilhelm von Grumbach und des Wilhelm von Altenstein auf die Stadt Würzburg, der sich am Morgen des 3. Oktobers 1563 ereignete. Dabei wurden 16 Bürger auf der Straße getötet und infolge der Ausschreitungen der plündernden Landsknechte in den Würzburger Kirchen und Klöstern auch das Franziskanerkloster in Mitleidenschaft gezogen. Die Opfer des Überfalls wurden auf dem Friedhof bei der Franziskanerkirche beigesetzt. Das jährliche Stiftungsamt für diese getöteten Bürger wird noch heute bei den Minderbrüdern gehalten.

Fürstbischof Friedrich von Wirsberg rief die Jesuiten nach Würzburg und beauftragte im Jahre 1566 den hl. Petrus Canisius mit der Gründung eines Kollegs, um dadurch das Bildungsniveau der Stadt und des Herzogtums zu heben. Bei dieser Gelegenheit predigte der berühmte Jesuit und zweite Apostel Deutschlands im Winter des Jahres 1566/67 öfter auf der Kanzel der Franziskanerkirche, indem er den Erwachsenen den von ihm verfassten Katechismus auslegte.

Da das Klarissenkloster St. Agnes dem Aussterben nahe war und auch trotz Bemühungen des Guardians des Franziskanerklosters um Gewinnung auswärtiger Schwestern nicht mehr erhalten werden konnte, bestimmte der Fürstbischof dieses Agnetenkloster als Kollegsgebäude. Die Minoriten hatten dort bisher die Seelsorge ausgeübt und dafür jährliche Einkünfte bezogen. Da nun diese wegen der Aufhebung des Agnetenklosters wegfielen, kam es zwischen dem Fürstbischof und den Jesuiten einerseits und dem Franziskanerkloster andererseits zu Auseinandersetzungen, die über 20 Jahre andauerten. Schließlich konnte die ganze Angelegenheit doch unter dem Nachfolger Wirsbergs, dem Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn, zu einer befriedigenden Lösung mit einer Abfindungsentschädigung für das Franziskanerkloster geführt werden.

4. Äußerer und innerer Aufbau unter Julius Echter von Mespelbrunn


Das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts ist in der Diözese Würzburg und

im Herzogtum Franken von der großen Persönlichkeit des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn (1573-1617) und von seiner Reformtätigkeit gekennzeichnet. Seine Wirksamkeit als Landesfürst und Bischof steht in enger Verbindung mit dem Würzburger Franziskanerkloster. Darum soll die Reformtätigkeit dieses verdienten fränkischen Bischofs ausführlicher dargestellt werden; denn das Echter-Wappen mit den drei Ringen, das an der Westwand und auf den Schlusssteinen des östlichen Kreuzgangs, im Gewölbe der Valentinuskapelle und über dem Pforteneingang des Franziskanerklosters die große Zerstörung des Jahres 1945 überstanden hat, erinnert noch 350 Jahre nach seinem Tod an die vielfältigen Beziehungen zu diesem Kloster.

Julius Echter von Mespelbrunn gründete im Jahre 1579 bereits das Juliusspital in Würzburg, für die damalige Zeit eine vorbildliche, karitative und soziale Tat. Mit rühriger Tatkraft und besonderer Sorgfalt widmete er sich dem Bau neuer und der Renovierung und Erhaltung alter Kirchen im Frankenland. Als Schützer und Wahrer katholischen Glaubens in seinem Herzogtum war er zugleich auch einer der Mitbegründer der „Liga“, des katholischen Fürstenbundes. Mit Hilfe der Jesuiten drängte er vor allem in seinem Herrschaftsbereich den eingedrungenen Protestantismus zurück und sorgte für eine tief greifende Bildungs- und Glaubensreform bei Klerus und Volk. In diesem Zusammenhang sei besonders an die Einführung der „Ewigen Anbetung“ erinnert.

Die Gründung einer neuen Universität in Würzburg sollte nicht nur das Bildungsniveau heben, sondern auch der Stadt Würzburg mehr Bedeutung verleihen. Schon im Jahre 1575 hatte der Fürstbischof Julius Echter vom Papst Gregor XIII. und vom Kaiser Maximilian II. die erforderlichen Sonderrechte für die Gründung einer Universität erreicht. Am 2. Januar 1582 zelebrierte der Fürstbischof in der Franziskanerkirche ein feierliches Pontifikalamt in Gegenwart des Domkapitels, der Prälaten aus dem Hochstift, des Adels, des Stadtrates, der Professoren und sonstiger Gäste. Anschließend wurden die Gründungsfeierlichkeiten mit einer lateinischen Rede des Jesuitenpaters Halenius und der Verlesung der päpstlichen und kaiserlichen Privilegien durch P. Rapodius, dem neuen Rektor der Universität, vollzogen. Der Universitätsgottesdienst fand bis zur Fertigstellung der Universitätskirche traditionsgemäß in der Franziskanerkirche statt. Ebenso wurden später in dem neu gestalteten großen Saal über der Valentinuskapelle die Vorlesungen gehalten.

Besondere Verdienste erwarb sich Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn um die äußere Instandsetzung und zugleich um die innere Reform des Franziskaner-Minoritenklosters in Würzburg.

Bereits im Jahre 1575 hatte der Fürstbischof den Dachstuhl der Kirche erneuern und das Dach mit Schiefer decken lassen. Die Kosten beliefen sich auf über 500 Gulden, wie wir aus dem Schreiben des Konventes vom 4. Mai 1576 wissen. Darin bedankte sich der Konvent beim Fürstbischof und erstattete ihm zugleich Bericht über die vollzogenen Renovierungsarbeiten, ferner über die Einnahmen und Ausgaben.

Im Jahre 1611 ließ schließlich der Fürstbischof auf seine eigenen Kosten die notwendigen Baumaßnahmen zur Wiederherstellung und zum Umbau der schadhaften Kirchen- und Klostergebäude fortführen, da die wenigen Angehörigen des Franziskanerklosters selbst infolge ihrer Armut die hohen Kosten dafür nicht aufbringen konnten. Der bisher flach gedeckte Kreuzgang wurde eingewölbt und auf drei Seiten von Konventsgebäuden überbaut, um dadurch mehr Wohnräume zu gewinnen. Außerdem wurden die Süd- und Nordfenster des Kreuzgangs in dem Maßwerk der Spätgotik umgestaltet.

Der östliche Klosterflügel wurde nach Süden verlängert, so dass im Erdgeschoß ein neuer großer Saal entstand. Die Bibliothek hingegen, die im bisherigen Südende des Ostflügels untergebracht war, wurde in den ersten Stock des Westflügels verlegt. Später sollte sie dann unter den Baumaßnahmen des P. Guardian Anton Hammer im Jahre 1714/15 noch um ein zweites Stockwerk erhöht werden.

In den Jahren 1611 und 1612 erhielt die Valentinuskapelle ihre West-Ost-Richtung und wurde eingewölbt. Darüber wurde der prächtige Valentinussaal gebaut, der dann auch bei Promotionsfeiern der Universität benützt wurde. Allerdings wurden durch diese baulichen Änderungen die Südfenster des Kirchenchores ganz verdeckt.

In den Jahren 1614 und 1615 musste dann die Flachdecke des Kirchenschiffes weichen. Im Laienschiff wurde ein Rundbogengewölbe eingezogen und das Hauptdach nach außen über die Seitenschiffe verlängert. Die bisherige Basilikaform ging dadurch verloren. Da die Einwölbung des Kirchenschiffes die Oberlichter völlig verdeckte, wirkte der umgestaltete Kirchenraum leider gedrückt und lichtarm. Der Lettner zwischen Chor und Hauptschiff wurde abgebrochen. Die Altäre, die bisher in den Nischen des Lettners gestanden hatten, wurden in die Seitenschiffe verlegt. Dies führte zu einer Häufung der Altäre im Laienschiff. So werden im 17. Jahrhundert außer dem schon im Jahre 1593 errichteten Hochaltar noch 14 weitere Altäre genannt.

Über dem Triumphbogen wurde ein neuer Dachreiter errichtet, der zwei Glocken aufnehmen konnte. Dieser wurde jedoch im Jahre 1737 von einem Sturm hinweggefegt. Schließlich erhielt in den späteren Jahren ein neuer Dachreiter weiter östlich auf dem Chordach seinen Platz, der dort auch bis zur Zerstörung der Kirche im März 1945 die Zeiten überstand.

Während im ganzen deutschen Land Hunderte von Klöstern der Reformation und ihren Nachwirkungen zum Opfer fielen, setzte sich Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn in seiner Diözese energisch für die Erneuerung ,des ursprünglichen Ordensgeistes ein. Er scheute sich nicht, sich an den Provinzial des Ordens oder unmittelbar an den Ordensgeneral zu wenden, wenn er es für die Durchführung geeigneter Reformmaßnahmen zum Besten der Ordenszucht für notwendig erachtete. Sein Ziel ließ er dem Würzburger Minoritenkonvent schon im Jahre 1594 deutlich wissen, indem er für dessen Visitation einen eigenen Fragebogen aufstellte. Dieser umfasste 75 Fragen und erstreckte sich auf alle Lebens- und Tätigkeitsgebiete der Klosterangehörigen. Bereits im nächsten Jahr befahl der Fürstbischof den Bettelorden seiner Diözese die Abhaltung des mitternächtlichen Chorgebetes, „wie es bei den Barfüßern geschehe“. In der Zeit zwischen 1611 bis 1614 verlangte der Fürstbischof vom Provinzial P. Beatus Bishalm wiederum einen eingehenden Visitationsbericht und drängte dann auf sofortige Abstellung festgestellter Regelwidrigkeiten. Deutlich sprach er seine Wünsche aus, dass es ihm besonders um eine ausreichende Besetzung des Konventes mit geeigneten Leuten gehe. Am 18. November 1616 ließ der Fürstbischof den Provinzial und Guardian der Minoriten zu sich rufen und äußerte dem P. Provinzial gegenüber, dass dieser zur Vermehrung der Klosterinsassen geeignete Patres aus Köln heranziehe. Wörtlich fügte der Bischof hinzu: „Damit die Grundlagen zum geistigen Fortschritt nicht fehlten, wurden die Schäden des Hauses behoben. Jetzt wünsche ich lebendige Bausteine zu sehen, gute Ordensleute.“ Dem fügte er noch hinzu, er habe weder Mühe noch Sorge gescheut, im Bistum die Reformation zurückzudrängen und seine Diözese von der Irrlehre zu befreien. In dieser Linie liege auch sein Bestreben, dafür zu sorgen, dass der Orden der Minderen Brüder wieder im alten Glanze leuchte.

Die Mühen des Fürstbischofs zeigten auch Erfolge. Eine Anzahl Minderbrüder des Würzburger Konventes, darunter die Guardiane Beatus Bishalm und Kaspar Leimbach, haben das Reformprogramm des Fürstbischofs Julius Echter tatkräftig unterstützt. Der Konventsprediger P. Michael Digasser gehörte zu jener Kommission, die im Jahre 1588 versuchte, die zahlreichen Protestanten der Stadt Ochsenfurt wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen.

In das Jahr 1612 fällt der Beschluss des Provinzkapitels zu Konstanz, die hl. Elisabeth von Thüringen zur Provinzpatronin zu erwählen, welche der gebürtige Würzburger Bruder Rodeger im Jahre 1223 für die franziskanische Idee begeisterte.

Außer dem schon erwähnten Dritten Orden der Weltleute, den die Minderbrüder in Würzburg seelsorglich betreuten, gab es noch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zwei Terziarinnengemeinschaften. Sie waren wenigstens in ihrer seelischen Führung eine bestimmte Zeit vom Würzburger Franziskanerkloster abhängig.

Da waren zunächst die Klausnerinnen zum hl. Georg, deren Haus sich am Eingang der Augustinerstraße beim alten Jörgentor befand. Sie unterstanden zuerst dem Benediktinerabt von St. Stephan, wurden dann Terziarinnen des hl. Franziskus, um schließlich im Jahre 1460 zu den Augustinern überzugehen. Nach dem Umzug dieser weiblichen Ordensgemeinschaft in das Haus zur „Hohen Zinne“ in der Hörleingasse starb sie. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus.

Die zweite Terziarinnengemeinschaft, das so genannte Wilberghaus, hatte ihr Regelhaus an der heutigen Hofstraße. Aufgenommen wurden nur solche Jungfrauen aus ganz Unterfranken, die dem Dritten Orden des hl. Franziskus angehörten. Diese Ordensgemeinschaft lebte nach einer Regel, die neun Punkte umfasste und im Jahre 1366 unter Mitwirkung des Guardians Ludwig von Own aufgestellt worden war. Im Jahre 1579 wurde das Regelhaus um 250 Gulden verkauft und der Erlös unter die letzten Schwestern verteilt. Hingegen blühten im 17. Jahrhundert an der Franziskanerkirche verschiedene Bruderschaften auf.

Am Franziskusfest des Jahres 1615 wurde mit Zustimmung des Fürst­bischofs Julius Echter vom damaligen Guardian P. Nikolaus Buelmann die seraphische Strickgürtelbruderschaft gegründet. Viele angesehene Leute lie­ßen sich in sie aufnehmen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ist sie eingeschlafen oder im Dritten Orden aufgegangen.

Noch kurzlebiger war die im Jahre 1616 vom Fürstbischof an der Franziskanerkirche errichtete Bruderschaft zu Ehren des „V erklärten Heilands“. Sie starb bereits im Laufe des Dreißigjährigen Krieges aus.

Im Jahre 1643 wurde schließlich die Bruderschaft zu Ehren des hl. Johannes des Täufers und des hl. Apostels und Evangelisten Johannes gegründet. Sie kann als Seraphischer Messbund bezeichnet werden. Auch diese Vereinigung erlosch im Jahre 1833.

Die Büftnerzunft aber, die seit dem Jahr 1620 zum Gedenktag des hl. Evangelisten Johannes in die Franziskanerkirche kommt, blieb erhalten. Heute noch wird den Angehörigen am zweiten Weihnachtsfeiertag beim feier­lichen Gottesdienst geweihter Wein gereicht.

Die im Jahre 1650 gegründete Bruderschaft zu Ehren des hl. Antonius von

Padua ging zwar Anfang des 19. Jahrhunderts ein, erlebte aber im Jubiläumsjahr des Heiligen (1931) eine Neugründung. Unter der regen Tätigkeit ihres Präses P. Winfried Gogolin (+ 1946) blühte sie bis zum Zweiten Weltkrieg auf und zählte etwa 3000 Mitglieder.

Die abgeschlossene Renovierung der Gebäude und die innere Erneuerung des Franziskanerklosters unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn leiteten nicht nur einen zahlenmäßigen Anstieg an Mitgliedern, sondern auch eine geistig-wissenschaftliche Aufwärtsentwicklung ein. Im Jahre 1616, ein Jahr vor dem Tod des edlen Bischofs, zählte der Konvent der Minoriten wieder fünf Patres, sieben Professkleriker und einen Laienbruder. Die gestiegene Bedeutung des Würzburger Konventes wird daraus ersichtlich, dass im Jahre 1618 das Provinzkapitel unter Vorsitz des Ordengenerals Jakobus Montanari dort stattgefunden hat. Bei dieser Gelegenheit promovierte der Ordensgeneral in Gegenwart des neuen Fürstbischofs Johann Gottfried von Aschhausen die Patres Accursius Wolfwieser und Hugolin Kneiff zu Doktoren der Theologie. P. Accursius begab sich bald darauf zusammen mit P. Bonaventura Mannhardt in die geschwächte österreichische Ordensprovinz und wurde da im Jahre 1628 zum Provinzial gewählt. Von der Oberdeutschen Minoritenprovinz wurden in der Folgezeit noch mehrere Patres, insbesondere auch aus dem Konvent Würzburg, zur Hilfe nach Osterreich geschickt.

In Würzburg selbst versahen die Patres des Franziskanerklosters zu Anfang des 17. Jahrhunderts in der Marienkapelle und von 1641 bis 1644 in der Pfarrei St. Burkard den Gottesdienst.

Versuche der Franziskaner-Observanten von Dettelbach, im Jahre 1630 den Würzburger Minoritenkonvent für die strengere Richtung der Reform zu gewinnen, scheiterten trotz Unterstützung des Bamberger Bischofs. Als ferner im Jahre 1664 die Rekollekten von Hammelburg, eine andere franziskanische Reformbewegung, sich in Würzburg niederlassen und dort entweder das Franziskaner- oder Augustinerkloster erwerben wollten, blieben auch deren Bemühungen erfolglos.

Schwere Zeiten brachen über die katholische Bevölkerung Würzburgs, seine Kirchen, Klöster und Geistlichen im Dreißigjährigen Krieg infolge der schwedischen Besatzungszeit herein, die vom Jahre 1631 bis 1635 dauerte. In der Franziskanerkirche konnte damals der Gottesdienst nur bei verschlossenen Türen und ohne Glockenzeichen stattfinden. Eine Gedenktafel an der Kirchenwand des nördlichen Kreuzgangs erinnert an die zwei Kapuzinerpatres, die bei der Eroberung der Festung am 18. Oktober 1631 durch die Schweden den Tod fanden und im Kreuzgang des Franziskanerklosters beigesetzt wurden.

Da die Jesuiten während der schwedischen Besatzungszeit aus Würzburg geflohen waren, führten die Patres des Franziskanerklosters den Unterricht am Kolleg weiter und hielten auch für die Gymnasiasten den täglichen Schulgottesdienst in der Franziskanerkirche. Am 10. November 1633 veranstalteten die Gymnasiasten unter Anleitung der Minoritenpatres im Klostergarten nach dem Brauch der Jesuiten Schulkomödien mit anschließender Preisverteilung. P. Guardian Johann Wendel erteilte während der Ab­wesenheit der Jesuiten von Würzburg in dem Franziskanerkloster für die eigenen Kleriker und die weltlichen Studenten Philosophieunterricht. Hier dürfte wohl auch der Beginn eines eigenen Hausstudiums zu suchen sein, das viele Jahre bestand.

5. Neue Blüte bis zur Säkularisation


Die unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn erneuerte aszetische Formung der Klosterinsassen zeigte ihre Früchte. Aber auch die sorgfältige Studienausbildung der Kleriker und die Pflege der philosophisch-theologischen Wissenschaften trugen zu dem steigenden Ansehen des Franziskanerklosters bei.

Die Wirren der Glaubensspaltung hatten dem Studienwesen der süddeutschen Ordensprovinz der Minoriten großen Schaden zugefügt. Sie verlor nicht nur eine Anzahl Klöster, darunter das bedeutende Studium generale in Straßburg. Es fehlte schließlich an geeigneten Lateinschulen und philosophisch-theologischen Studienhäusern. Schon das Provinzkapitel zu Speyer beschloss im Jahre 1608 eine stärkere Förderung der Studien und eine größere Zusammenarbeit der Klosterschulen und Seminarien innerhalb der Ordensprovinz. Deshalb wurde in den folgenden Jahrzehnten im neu erworbenen Kloster Maihingen im Ries ein zentrales Studienhaus gegründet, zu dessen Unterhalt die meisten Klöster der Provinz beisteuern mussten. Nach und nach nahm die Zahl der Schüler und Lehrer wieder zu, so dass sich die Ordensprovinz im 17. Jahrhundert erholte und wissenschaftlich wieder auf eigenen Füßen stehen konnte. Auf verschiedene Initiativen des Ordensgenerals hin wurde im Jahre 1758 ein Lehrplan für einen dreijährigen Kurs des Theologiestudiums nach scotistischer Lehrmethode in der süddeutschen Minoritenprovinz eingeführt. Dem folgte im Jahre 1776 eine verbesserte zweite Lehrordnung, die sich mit allen Ordensschulen befasste. Die Ausbildung der Schüler an den Lateinschulen (Ordensgymnasien) sollte fünf Klassen betragen. Daran schlossen sich ein zweijähriges Philosophiestudium und ein vierjähriges Theologiestudium an.

Der Würzburger Konvent hatte in den vorausgegangenen Jahrhunderten sehr viele Kleriker in andere Häuser der Ordensprovinz zur Ausbildung geschickt. Einzelne Lektoren („Lesemeister“) für bestimmte Studienfächer gab es allerdings immer auch im Konvent.

Seit dem Jahr 1582 besuchten die Kleriker des Würzburger Konventes die Vorlesungen an der neu gegründeten Universität, an der sie zudem gewisse Vergünstigungen genossen. Allerdings unterrichteten dort die Jesuitenpatres die theologischen Fächer vorwiegend nach der thomistischen Lehrmethode, während der Franziskanerorden seine Ordensjugend nach der ordensgemäßen scotistischen Lehrmethode ausgebildet wissen wollte. Daher kam es zwischen dem Franziskanerkloster und den Jesuiten zu Spannungen. Die Folge war, dass der damalige Provinzial der Minoriten, P. Christoph Vogel, im Jahre 1667 ein theologisches Studium für die eigenen Ordenskleriker im Würzburger Konvent gründete, um die franziskanische Überlieferung der Ordensschulen zu wahren. Erst seit der zweiten Studienordnung des Jahres 1776 wurde diesem Unterschied der Lehrmethode im Orden keine nennenswerte Bedeutung mehr zugemessen.

Die Beziehungen des Würzburger Franziskanerklosters zur Universität blieben trotz des Auszuges der Klerikerprofessen aus der Universität sehr rege. Zahlreiche Patres des Konventes arbeiteten im 17. und 18. Jahrhundert ihre Dissertation an der Universität aus. Der Anhang der Ordensgeschichte der Oberdeutschen Minoritenprovinz von P. Konrad Eubel führt allein im Laufe des 18. Jahrhunderts 96 veröffentlichte Dissertations- und Disputationsschriften an, die von Konventsangehörigen abgefasst worden sind. Der Orden stellte außerdem immer wieder aus seinen Reihen Professoren für die Universität Würzburg.

P. Polyänius Mayer, ordentlicher Lehrer der Theologie, veröffentlichte im Jahre 1751 zu Würzburg eine vollständige Dogmatik nach scotistischer Richtung. Die Predigtliteratur erhielt durch die Beiträge der Franziskanerpatres Alexander Herth, Otto Haas und Modest Hahn (+ 1794) eine wertvolle Bereicherung. P. Anton Kirschner (+ 1734) verfasste ein weit verbreitetes Andachtsbuch „Unerschöpflicher Gnadenbrunn“, das im Jahre 1783 in neunter Auflage erschien. P. Bonavita Blank erwarb sich nicht nur durch seine von ihm erfundene Musivmalerei, sondern auch durch seine naturwissenschaftlichen Sammlungen („Naturalienkabinet“) einen berühmten Namen in der Öffentlichkeit. Fürstbischof Franz Ludwig ernannte ihn deshalb im Jahre 1792 zum Professor der Naturgeschichte an der Universität Würzburg. Im Jahre 1810 veröffentlichte P. Bonavita Blank ein Handbuch der Mineralogie und ein Jahr später ein Handbuch der Zoologie. Auch die Kirchenmusik wurde im 17. und 18. Jahrhundert bei den Franziskanern zu Würzburg trefflich gepflegt und gefördert. Die Patres Theodor Mayer, Anton Biegeisen, Donulus Eöert und Kolonat Jamez zeichneten sich als tüchtige Musiker und teilweise auch als Komponisten aus. Einige Laienbrüder verhalfen durch hervorragende Kunstfertigkeit dem Konvente ebenfalls zu größerem Ansehen. An erster Stelle ist Bruder Kilian Staufer, ein gebürtiger Schweizer, zu nennen, der aus gefärbtem Gips Stuckmarmor herstellte. Deswegen stand er beim damaligen Fürstbischof in hohem Rufe. Bruder Kilian arbeitete in vielen Kirchen der Diözese. Die „Marmorsäulen“ in der Festungskirche zu Würzburg, in den Wallfahrtskirchen zu Schönau bei Gemünden und zu Fährbrück geben heute noch Zeugnis von seinem großen Können. Durch die Vermittlung des Bruders Kilian Staufer und durch Abtretung des Lehenshofes zu Hohenfeld bei Kitzingen, der bisher dem Würzburger Minoritenkloster gehörte, überließ der Fürstbischof im Jahre 1699 das ehemalige, verlassene Zisterzienserinnenkloster Schönau an der Saale dem Minoritenorden. Bruder Kilian Staufer starb am 24. Juni 1729 zu Würzburg.

Ähnliche Kunstfertigkeit entwickelte auch Bruder Leopold Hölzel, der im Jahre 1781 in der Franziskanerkirche einige Nebenaltäre, das Gehäuse der neuen Orgel und die Barockkanzel, eine Nachbildung jener in der Hofkirche, anfertigte. Aus dem 17. Jahrhundert sind nicht zuletzt zwei Laienbrüder, nämlich ein gewisser Neßfell oder Nestfeld und Michael Schmück („Flosculus“), zu erwähnen, die hervorragende Kenntnisse in der Astronomie besaßen. Neßfell, der Kunstschreiner war, stellte einen Himmelsglobus her, der in der Klosterbibliothek aufbewahrt wurde.

In dem Gutachten, das der Würzburger Weihbischof Johann Bernhard Mayer am 22. August 1705 im Namen .des Bischöflichen Ordinariates über die Tätigkeit der Franziskaner-Minoriten zu Würzburg an den Ordensvikar erstattete, heißt es: „Die hiesigen Franziskaner führen seit langer Zeit ein sehr vorbildliches Leben, ohne Verdacht irgendeines öffentlichen Ärgernisses, sind im Predigen des Wortes Gottes, in der Zelebration von Messen, im Chorgebet und im Beichthören eifrig, wobei die Gläubigen in großer Zahl am Feste und in der Oktav des heiligen Bischofs und Martyrers Valentinus, von dem bedeutende Reliquien bei ihnen aufbewahrt sind, aus ganz Franken zusammenströmen. Von der Stadt Würzburg kommen die Gläubigen das ganze Jahr hindurch, besonders an den Antoniusdienstagen, fleißig zum Beichten. Die Franziskanerpatres sind im Besuch der Kranken und Sterbenden eifrig. Sie erfreuen sich des vollen Vertrauens und Wohlwollens des Fürstbischofs, der übrigen Prälaten und Großen. Einer aus ihrem Konvente ist Beichtvater der Domherrn und Dombenefiziaten, ein anderer versieht das gleiche Amt bei den Alumnen des Bischöflichen Seminars. Dass bei ihnen die Disziplin und das Studium der Theologie und der Philosophie blühen, geht daraus hervor, dass sie oft in ihrem Kloster öffentliche Disputationen veranstalten, die auch gedruckt werden. Sie werden aber ebenso zu anderen Disputationen zu deren Anfechtung an der Universität eingeladen.“

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts werden also von amtlicher Seite „Katheder, Kanzel und Beichtstuhl“ als seelsorgliche Schwerpunkte der Franziskaner in Würzburg herausgestellt. In der Stadt Würzburg wirkten die Patres, außer ihrer seelsorglichen Tätigkeit in der eigenen Ordenskirche, schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Prediger und Beichtväter im Dom. Der Eigenart des Ordens entsprechend leisteten die Konventsangehörigen zahlreiche Aushilfen in der Umgebung und in der Stadt Würzburg selbst. Im 18. Jahrhundert versahen sie, wie auch schon lange vorher, den Beichtstuhl im Ritterstift St. Burkard, im Schottenkloster, in der Deutschordenskirche und im Kloster St. Afra. In Lengfeld, das damals noch eine Filiale von Rottendorf war, hielten die Franziskanerpatres vom Jahr 1707 bis 1802 Gottesdienste. Ferner wurde die Kuratie Neu-Schleichach vom Würzburger Franziskanerkloster von 1749 bis 1816, außerdem die Kuratie Euerbach von 1760 bis 1781 durch Gottesdienste seelsorglich betreut.

Im Jahre 1720 wurde an der Franziskanerkirche die Bruderschaft zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariens mit päpstlicher Gutheißung errichtet. Ihr gehörten viele bedeutende Persönlichkeiten der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens an. Diese Bruderschaft hatte jeden dritten Monatssonntag nachmittags Predigt und Prozession durch den Kreuzgang zur Valentinuskapelle. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit dem „Kreuzzug der Unbefleckten“, einer Gründung des 1941 im Konzentrationslager Auschwitz verstorbenen und am 17. Oktober 1971 selig gesprochenen Paters Maximilian Kolbe, zusammengelegt. Nach einer bischöflichen Verfügung vom 14. Dezember 1792 wurde eine der drei, bisher in der Karmelitenkirche wöchentlich gehaltenen Fastenpredigten, auf die Franziskanerkirche übertragen, die dort noch lange Zeit am Montag in der Fastenzeit gehalten wurde.

Im Zusammenhang mit dem Aufschwung des Franziskanerklosters in Würzburg, das sich während des 17. und 18. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Konvente der oberdeutschen Ordensprovinz entwickelte, darf auch die ehemalige wertvolle Klosterbibliothek nicht vergessen werden. Sie war im Jahre 1715 bereits auf 10000 Bände angewachsen. Den Grundstock im Minoritenkloster bildeten etwa 150 Handschriften aus dem 13. bis 15. Jahrhundert und Pergamenturkunden. Eine zweite Serie von Handschriften aus späterer Zeit schloss sich an. Die meisten Handschriften stammten aus Schenkungen. Ein Drittel der vorhandenen Handschriften war mit Ketten versehen. Eine zweite Abteilung stellten die Wiegendrucke dar. Es waren etwa 400 Werke in 364 Bänden, darunter der Sentenzenkommentar des hl. Kirchenlehrers Bonaventura mit Blattgoldinitialen. Größere Verluste waren im Bauernkrieg (1525) und bei der Säkularisation (1803) zu beklagen. Bei letzterem Ereignis musste das Franziskanerkloster 287 ausgewählte Werke und 539 Kupferstiche, die man aus anderen Büchern herausgerissen hatte, an die Universitätsbibliothek abgeben. Bei der furchtbaren Zerstörung im März des Jahres 1945 ist von dem wertvollen Bücherschatz nur ein geringer Teil erhalten geblieben.

Nach der großen Renovierung von Kloster und Kirche unter Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn hören wir erst wieder ab 1675 von größeren baulichen Veränderungen. In dem genannten Jahr wurden im Winterrefektor das Gewölbe entfernt und eine flache Gipsdecke eingezogen, die durch eine Säule in der Mitte des Saales gestützt wurde.

Auch in der Klosterkirche wurden ab 1680 weitere Veränderungen eingeleitet. Das Barockzeitalter sollte auch in der Franziskanerkirche seine Zeichen setzen. Das Kaffgesims sämtlicher Fenster des Chorraumes und der Seitenwände, mit Ausnahme des Ostfensters, wurde durchgeschlagen. Dabei wurden die Fenster nach unten verlängert und zugleich nach oben und unten ausgebaucht. Sie verloren dadurch ihr bisheriges Maßwerk.

Die große, neue Bauperiode vollzog sich unter der Amtszeit des Guardians P. Anton Hammer von 1689 bis 1699. Sie setzte sich unter seinem letzten Guardianat von 1714 bis 1717 fort, als er nochmals auf ausdrücklichen Wunsch des Fürstbischofs Hausoberer des Konventes Würzburg wurde. P. Anton Hammer und sein leiblicher Bruder, P. Franz Hammer, stammten aus einer reichen Würzburger Bäckersfamilie. Sie verwendeten die große elterliche Erbschaft in Höhe von 4000 Gulden zur gründlichen Renovierung und zum Ausbau des Klosters. So wurde im Jahre 1715 auf die bisherigen alten Klostergebäude ein zweites Stockwerk aufgesetzt, um für die angestiegene Zahl der Konventsangehörigen mehr Raum zu gewinnen. Wenige Jahre nach Vollendung der Baumaßnahmen, nämlich im Jahre 1723, waren es 28 Patres, neun Kleriker und zehn Laienbrüder.

Im Jahre 1696 erlebt die Klosterkirche nochmals wesentliche Umänderungen. Ein neuer barocker Hochaltar wurde mehr in die Mitte des Chorraumes gerückt. Der Altaraufbau, dessen tragende Stuckmarmorsäulen Bruder Kilian Staufer anfertigte, reichte bis zum Deckengewölbe. Diesen Altaraufbau schmückten übereinander zwei Altarbilder von der Kreuzauffindung und der Kreuzabnahme, die der fränkische „Rubens“, Oswald Onghers, gemalt hatte. Nach seinem Tod (1706) fand er auch seine letzte Ruhestätte in der Franziskanerkirche.

Unter dem Guardian P. Anton Hammer wurden ferner wertvolle Gewänder und Geräte für den Gottesdienst angeschafft. Aus dieser Zeit stammen die große Monstranz und der große barocke Kelch mit Lavaboteller und Kännchen, die in Augsburg angefertigt worden sind. Außerdem ließ der Guardian eine neue Orgeltribüne und drei Orgeln errichten. P. Anton Hammer starb am 17. April 1718 im Kloster Maihingen, wohin er sich 1717 nach seinem letzten Guardianat zurückgezogen hatte.

Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sind nur noch die Anfertigung eines neuen Dachreiters und eines neuen Orgelwerkes in der Klosterkirche sowie größere Anschaffungen von Altargerät zu berichten. Um 1780 zählte der Konvent 24 Patres, vier Professkleriker und sechs Laienbrüder.

6. Die Säkularisation und die Zeit danach


Das allgemeine Schicksal der Säkularisation der Stifte und Klöster traf im Jahre 1803 auch das Franziskaner-Minoritenkloster in Würzburg. Am 25. Februar 1803 wurde der Entschädigungsplan des Friedens von Luneville (1801), wodurch die erblichen deutschen Fürsten für den Verlust linksrheinischer Gebiete an Frankreich durch rechtsrheinische geistliche Gebiete und Reichsstädte entschädigt werden sollten, auf der Reichsdeputation in Regensburg angenommen und vom Kaiser bestätigt. Danach ging aller Besitz geistlicher Fürsten, der Domkapitel, der fundierten Stifte, Abteien und Klöster in die freie und volle Verfügung der betreffenden Landesherren über, die in Zukunft gewisse Aufwandsentschädigungen für Gottesdienst, Unterricht, Domkirchen und Pensionen für die aufgehobenen Geistlichen zu leisten hatten. Damit fielen auch in Franken Vermögen, Besitztum und Güter des bisherigen Fürstbistums, der geistlichen Stifte, der Abteien und Klöster an den bayrischen Kurfürsten.

Schon am 3. Februar 1803 war eine kurfürstliche Kommission im Franziskanerkloster erschienen, um die Inventuraufnahme vorzunehmen. Damals zählte der Konvent noch 16 Patres und drei Laienbrüder. Da das geringe Vermögen des Klosters den verbleibenden Insassen keine ausreichende Rente bieten konnte, wurde es nicht sofort aufgehoben. Der Konvent wurde aber zum Aussterben verurteilt. Alle Patres und Brüder, sofern sie sich nicht um eine neue Aufgabe bemühten, konnten zwar bis zu ihrem Tode im Kloster verbleiben, es durften jedoch keine neuen Novizen mehr aufgenommen werden.

Wie schon erwähnt, musste der Konvent wertvolle und seltene Bilder und Bücher an die Universitätsbibliothek in Würzburg abliefern. Die Begräbnisse in der Kirche und auf dem klostereigenen Friedhof wurden in Zukunft verboten. Ferner wurde die Friedhofsmauer im Jahre 1805 niedergerissen und der ehemalige Friedhof nördlich und östlich der Kirche zur Verbreiterung der Straße und zur Vergrößerung des Franziskanerplatzes verwendet.

Mit der Säkularisation wurde ein Abschnitt fruchtbaren seelsorglichen Wirkens der Franziskaner-Minoriten jäh unterbrochen. Der Fortbestand dieses Klosters hing viele Jahre hindurch nur noch an einem seidenen Faden.

Den gewaltsamen Eingriff in die bisherigen Formen kirchlichen Lebens, die entschädigungslose Enteignung und Einziehung der Kirchengüter und Klöster in Staatseigentum, beziehungsweise das langsame Aussterben der minderbemittelten Klöster, überlebten von den zwei deutschen Minoritenprovinzen nur die Klöster Würzburg und Schönau. Beide lagen im ehemaligen Herzogtum Franken.

Zwar trat während der kaum zehn Jahre währenden Regentschaft des Großherzogs Ferdinand von Osterreich und Toscana über das ehemalige Fürstbistum Würzburg eine vorübergehende Besserung zugunsten der zum Aussterben verurteilten Klöster ein. Die Augustiner, Karmeliten und Minoriten erhielten in Würzburg sogar die Erlaubnis, wieder Novizen aufzunehmen. Aber bei den damaligen ungewissen und ungünstigen Zeitverhältnissen blieb der Neuzugang aus. Als König Ludwig I. von Bayern nach seinem Vater Maximilian I. die Regierung (1825-1848) antrat, verknüpfte sich mit seiner Person neue Hoffnung. Einigen Orden wurde auch wirklich die Genehmigung des Wiederauflebens (Resuscitierung) erteilt. Doch für das Würzburger Franziskanerkloster blieb selbst die Fürsprache des Würzburger Bischofs Friedrich Freiherrn Groß von Trockau, dessen Gewissensberater der Minorit P. Balthasar Albert war, vorerst ohne Erfolg. Als dann König Ludwig I. im Jahre 1839 längere Zeit in Rom weilte, sandte der Ordensgeneral P. Angelus Bigoni am 19. Mai 1839 ein Bittgesuch an den bayrischen König, um den Fortbestand des Würzburger Minoritenklosters zu erreichen. Tatsächlich genehmigte der König das Bittgesuch, so dass am 2. März 1840 bei der Regierung von Unterfranken der königliche Erlass für das Wiederaufleben des Konventes Würzburg eintraf. Damals lebten im dortigen Franziskanerkloster noch der 88jährige Guardian, P. Balthasar Albert, und der 62jährige P. Cherubin Barack. Da kein eigener deutscher Ordensnachwuchs sofort in Aussicht stand, wurden schnell aus Italien Mitbrüder, darunter drei deutschsprachige Südtiroler Patres aus dem Konvent Padua, herbeigerufen. Als diese Ende März 1840 in Würzburg eintrafen, lag P. Balthasar bereits auf der Totenbahre (+ 26. März 1840). P. Innozenz Pamfili, aus Gubbio bei Assisi stammend, wurde zunächst Guardian, kehrte aber schon im Jahre 1843 nach Italien zurück. Sein Nachfolger im Guardianat wurde der Südtiroler P. Alexander Lener, der im Jahre 1840 in Würzburg eingetroffen war. Der Letzte aber aus der alten Konventsfamilie Würzburg, P. Cherubin Barack, überlebte das Neuaufleben seines Klosters noch zweidreiviertel Jahre. Er starb am 26. Dezember 1842.

Da der bauliche Zustand des Klosters und der Kirche seit der Säkularisation (1803) arg gelitten hatte, wurden zunächst nach dem Jahr 1840 die gröbsten Schäden ausgebessert. Darauf wurden schließlich in der Kirche Altäre und Wände gereinigt, der Fußbodenbelag erneuert und die trüben Fenster ausgewechselt. Am Neujahrstag 1842 wurde dann mit einem Festgottesdienst die Franziskanerkirche wieder feierlich eröffnet. Im Jahre 1843 konnte der Konvent bereits drei Patres und sechs Professkleriker aus eigenem Nachwuchs aufweisen.

In das Jahr 1848 fällt die erste Deutsche Bischofskonferenz in Würzburg, die am 23. Oktober mit einem Eröffnungsgottesdienst im Dom begonnen wurde. Die Sitzungen fanden zunächst im Priesterseminar statt, wurden jedoch nach Rückkehr der Alumnen aus den Sommerferien in das Franziskanerkloster verlegt. Das geräumige Refektor des Konventes wurde vom 3. November an als Konferenzraum benützt. Am 15. November fand diese erste Deutsche Bischofskonferenz im überfüllten Dorn mit einer Predigt des Erzbischofs von München/Freising ihren Abschluss.

7. Wiederherstellung der Provinz und des Würzburger Klosters


Im Jahre 1843 durfte auch das Minoritenkloster Schönau bei Gemünden/Ufr. durch königlichen Erlass zur großen Freude des einzigen übrig gebliebenen Konventsangehörigen P. Totnan Schech, der mutig ausharrte, wieder Novizen aufnehmen. Zwei Jahre später (1845) gründete König Ludwig 1. mit eigenen Mitteln den Konvent Oggersheim bei Ludwigshafen a. Rh. zur Betreuung der dortigen Loretowallfahrtskirche. Im nämlichen Jahr wurden dann diese drei deutschen Minoritenklöster zu einem Generalkommissariat zusammengeschlossen und der frühere Ordensgeneral P. Angelus Bigoni übernahm unter dem Titel eines Generalvikars bis zum Jahre 1847 die Oberleitung über diese Konvente. Ihm folgte als Generalkommissär (1848-1857) P. Robert Zahradniczek, welcher der böhmischen Ordensprovinz angehörte. Im Mai 1857 fand in Rom ein Generalkapitel statt. Es beschloss die Wiederherstellung der ehemaligen Oberdeutschen Minoritenprovinz. Die bayrischen Konvente Würzburg, Schönau und Oggersheim sowie das im Hunsrück gelegene, im Jahre 1854 neu gegründete Kloster Ravengiersburg wurden zur bayrischen Kustodie, die zwei noch bestehenden schweizerischen Konvente Freiburg und Solothurn (1864 aufgehoben) zu der schweizerischen Kustodie und die neu errichteten Niederlassungen in Hal/Belgien und Urmond/Holland zu der belgischen Kustodie zusammengefasst. Neuer Provinzial der Oberdeutschen Minoritenprovinz wurde P. Fidelis Dehm, Sitz des Provinzialates der Würzburger Konvent. Und dort blieb es auch, - von einer kurzen Verlegung nach dem Zweiten Weltkrieg in den Konvent Schwarzenberg abgesehen -, bis auf den heutigen Tag. Dadurch entwickelte sich das Franziskanerkloster Würzburg zum Mittelpunkt der Ordensprovinz.

Nach der Zusammenfassung der Konvente. zu einer eigenen Ordensprovinz folgten noch weitere Neugründungen in Linz am Rhein (1858), in Spabrükken bei Kreuznach (1862), in Brüssel (1862) und die Erwerbung des Konventes Schwarzenberg (1866). Allerdings sollten die Klöster Ravengiersburg, Linz und Spabrücken im Verlaufe des preußischen Kulturkampfes bald wieder eingehen. Jedenfalls zeigen die Neugründungen, die innerhalb von etwa zwanzig Jahren nach dem Wiederaufleben des Ordens in Deutschland erfolgten, die Entschlussfreudigkeit zur Ausbreitung auch im Nordwesten Deutschlands, vorwiegend im Bereich der ehemaligen Kölner Ordensprovinz.

Als während der Revolutionsjahre 1848/49 eine starke Auswanderungsbewegung in die Vereinigten Staaten Amerikas einsetzte, schalteten sich während der folgenden Jahrzehnte die deutschen Minoriten in die dortige Seelsorge der Auswanderer ein. Zugleich mit der Betreuung ihrer Landsleute legten die deutschen Minoritenpatres bei der Gründung der ersten Ordensniederlassungen in den USA das Fundament für zwei spätere Ordensprovinzen. An der Spitze dieser wagemutigen Missionare sind P. Bonaventura Keller und P. Fidelis Dehm zu nennen. Letzterer wurde im Jahre 1866 als Generalkommissär nach Nordamerika geschickt, um die bereits bestehenden Missionsstationen zu einem Provinzverband zu vereinigen. P. Bonaventura Keller hingegen hatte sich bereits 1849 in die amerikanische Mission begeben, wo er in Texas, Philadelphia, Louisville und Utika segensreich wirkte. Schließlich wurde er im Jahre 1872 zum Provinzial der neuen Minoritenprovinz gewählt. Er starb jedoch schon fünf Jahre später, am 5. April 1877, in seiner Wahlheimat.

Außerdem wurde von der Oberdeutschen Minoritenprovinz nach dem Jahr 1860 die Auslandsmission unter der deutschsprachigen Bevölkerung in der Moldau und in Bessarabien/Rumänien aufgenommen. Später wurde das seelsorgliche Wirken sogar auf weite Gebiete Rumäniens, Bulgariens und auf Konstantinopel ausgedehnt. Wiederum war es P. Fidelis Dehm, der nach erfolgreicher Organisationsarbeit aus den Vereinigten Staaten Amerikas heimgekehrt, die schwierige Regelung der Seelsorgsverhältnisse in der Moldau unter den wenigen Katholiken vollbrachte. Für diese Aufgabe wurde er im Jahr 1877 vom Papst zum Apostolischen Vikar der Moldau ernannt und schließlich zum Titularbischof von Colophon erhoben. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatprovinz starb P. Fidelis Dehm am 17. Mai 1883 und wurde auf dem Friedhof zu Oggersheim begraben.

Da die Würzburger Ordenskirche in den Jahren 1840 bis 1842 nur notdürftig instand gesetzt worden war, wurde vierzig Jahre später nach den Plänen des Regensburger Domvikars Dengler ihre durchgreifende Umgestaltung im früheren gotischen Stil geplant und teilweise auch durchgeführt. Weil man damals für das Wiederaufleben der Gotik schwärmte, wollte man alle Erinnerungen an Barock und Rokoko gründlich beseitigen. Sogar die herrliche Kanzel, eine Nachbildung der Kanzel in der Hofkirche, sollte beseitigt werden. Gott sei Dank scheiterte die Gesamtplanung, am Einspruch des Landesdenkmalamtes oder an den beschränkten finanziellen Mitteln. Jedenfalls wurden außer dem prächtigen Hochaltar die zahlreichen barocken Nebenaltäre entfernt. Außer einem einfachen Hochaltar fanden nur noch fünf Seitenaltäre einfacher Ausführung Aufstellung in der Kirche. Der unter der Orgeltribüne stehende Altar zu Ehren der schmerzhaften Mutter Gottes erhielt ein anderes Vesperbild aus der Schule Tilman Riemenschneiders, das bis zum Jahre 1842 in der alten, später abgebrochenen Karmelitenkirche am Markt gestanden war. Ferner wurde auf der Orgelempore eine zweigeteilte Orgel aufgestellt, die das große Fenster der Westfassade wieder frei ließ. Unter dem Guardianat von P. Pazifikus Schmitz wurde schließlich im Jahre 1892 die Valentinuskapelle renoviert und mit einem neuen Altar ausgestattet, der sogar den Zweiten Weltkrieg überlebte. Anscheinend war man aber mit den neu geschaffenen Altären in der Klosterkirche nicht zufrieden. So wurden in den Jahren 1895/1899 die Seitenaltäre nochmals ausgewechselt und durch andere ersetzt, die etwas reichere Ausstattung aufwiesen. Ferner ließ P. Guardian Pius Kaiser noch die zwei Seitenaltäre zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariens und des hl. Antonius von Padua durch den fränkischen Künstler Matthäus Schiestl neu anfertigen. Dann folgten bis zum Zweiten Weltkrieg außer der notwendigen Außen- und Innenrenovierung der Kirche in den Jubiläumsjahren 1921 und 1926 keine nennenswerten Veränderungen mehr.


Seit der Wiederherstellung und Neubelebung des Würzburger Franziskanerklosters (1840) hatte der Konvent die damit ergangenen staatlichen Anordnungen zu berücksichtigen. So wurde mit der Zunahme von Patres nicht nur der Gottesdienst in der eigenen Klosterkirche würdiger gestaltet, sondern auch die Aushilfstätigkeit in der Umgebung wieder aufgenommen. Zugleich hatten die Minoriten die Auflage erhalten, in der Hofkirche der Residenz täglich zwei heilige Messen gegen eine jährliche Vergütung von 340 Gulden aus dem Etat der staatlichen Schlossverwaltung zu zelebrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg fielen die finanziellen Leistungen des bayrischen Staates vollkommen weg. Die Vergütung der seelsorglichen Dienste der Franziskanerpatres in der Hofkirche, des Zehn-Uhr-Gottesdienstes an Sonn- und Feiertagen und der kirchlichen Eheassistenz, wurde jetzt vom Bischöflichen Ordinariat übernommen.

Seit dem Jahre 1843 wurden auch die gottesdienstliche Betreuung der Ursulinen in Würzburg vom Franziskanerkloster aus besorgt, sowie in der Marienkapelle am Markt und seit dem Jahr 1845 an Sonn- und Feiertagen eine Zeitlang die Zehn-Uhr-Messe zu St. Gertraud „in der Pleichach“ übernommen. Im Jahre 1900 kam noch die ständige seelsorgliche Betreuung des König-Ludwig-Hauses hinzu.

Als Antonie Werr im Jahre 1855 ihr großes Werk zur Betreuung gefährdeter Mädchen ins Leben rief, stand der damalige Guardian und spätere Provinzial P. Franz Ehrenburg als Beichtvater und Berater mit seiner sachlich-ruhigen Art der Gründerin zur Seite. Aus diesem Anfangswerk entstand dann in Oberzell die Kongregation der „Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu“, die auf den Satzungen des regulierten Dritten Ordens aufgebaut wurde. Seit der Gründungszeit der Kongregation hat das Franziskanerkloster nicht nur Exerzitienmeister gestellt, sondern übten und üben heute noch im Mutterhaus Oberzell Minoritenpatres den Dienst der Versöhnung im hl. Bußsakrament aus. Hier dürfen auch die Bemühungen des damaligen Generalassistenten P. Timotheus Brauchle nach dem Ersten Weltkrieg erwähnt werden, die schließlich am 10. Februar 1936 der „Kongregation der Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu“ die Anerkennung päpstlichen Rechtes erbrachten. Dankenswerterweise übernahmen Schwestern der Kongregation seit Beginn des Zweiten Weltkrieges, als viele Laienbrüder des Minoritenordens zum Militärdienst eingezogen wurden, die Küche des Franziskanerklosters und seit dem Wiederaufbau des Studienseminars St. Valentin auch dort die Haushaltsführung. Im Kloster Schönau und schließlich bald nach Gründung des Kölner-Minoritenklosters versorgen dort Schwestern dieser franziskanischen Gemeinschaft Küche und Haushalt.

8. Seelsorge und Wissenschaft im letzten Jahrhundert


Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichnet im kirchlichen Leben eine stärkere Hinwendung zur persönlichen Frömmigkeit, die sich insbesonders in der Betrachtung des Erlösungsgeheimnisses und in der Verehrung der Lieblingsheiligen äußert. Außer der schon früher erwähnten Betreuung des Dritten Ordens und der Unbefleckten Empfängnis-Bruderschaft entstanden verschiedene Andachtsformen, die sich des Zuspruches und des Besuches seitens des gläubigen Volkes erfreuten. So, wurden besonders die Festnovenen und die Oktaven in der Franziskanerkirche gepflegt. Im Jahre 1862 wurde in der Würzburger Ordenskirche die Maiandacht eingeführt. Später kamen noch die Andachten zur Verehrung des Hl. Herzens Jesu an jedem ersten Freitag des Monats und während des ganzen Herz-Jesu-Monats Juni hinzu. Während der Fastenzeit fanden montags abends Fastenpredigt und Miserere-Andacht, an den Freitagen der Fastenzeit Kreuzwegandacht statt. Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag standen im Zeichen des Hl. Grabes, das von den Gläubigen gern besucht wurde. Außerdem seien die vorbereitenden Novenen vor Pfingsten, die neun Antonius-Dienstage vor dem Hauptfest des hl. Antonius von Padua, die Noveneandachten vor dem Fest des hl. Vaters Franziskus, der Unbefleckten Empfängnis Mariens und vor dem Weihnachtsfest die so genannte „Christkindls-Andacht“ zu Ehren der hl. Kindheit Jesu erwähnt, ferner die Oktaven zu Ehren des hl. Martyrerbischofs Valentinus sowie die von Fronleichnam und Allerseelen. Diese zahlreichen Andachtsformen während des Kirchenjahres hielten sich größtenteils bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Im Rahmen dieser Rückbesinnung auf 750 Jahre des Würzburger Franziskanerklosters verdient der Ordenshistoriker P. Konrad Eubel ein dankbares Gedenken. Er wurde am 19. Januar 1842 zu Sinning bei Neuburg/Donau geboren. Mit 22 Jahren trat er in den Orden der Franziskaner-Minoriten zu Würzburg ein. Im Jahre 1868 wurde er zum Priester geweiht. Der junge Pater hatte zunächst keineswegs vor, sich in besonderer Weise der Ordensgeschichte zu widmen. So war er denn auch zuerst in verschiedenen Klöstern seelsorglich tätig. Als er vierzig Jahre alt war, wandte er sich der Geschichtsschreibung zu. Gewiss zeigten seine Abhandlungen keine neuen ideengeschichtlichen Durchblicke auf. Seine schriftstellerischen Arbeiten boten vielmehr das Ergebnis fleißiger, sorgfältiger Sammelarbeit in zahlreichen Archiven dar. Seine erste Schrift „Die Franziskanerkirche in Würzburg“ erschien im Jahre 1882. Zwei Jahre später folgten in den Veröffentlichungen des historischen Vereins für Unterfranken „Die in der Minoritenkirche zu Würzburg Bestatteten aus dem Adels- und Bürgerstande“. Im Auftrage des damaligen Provinzials P. Franz Ehrenburg bearbeitete P. Konrad Eubel den literarischen Nachlass seines Mitbruders P. Dominikus Grammer, der am 5. April 1882 verstorben war. Hierauf veröffentlichte P. Konrad Eubel sein erstes größeres Werk „Geschichte der oberdeutschen Minoritenprovinz“ im Jahre 1886. Im folgenden Jahre übersiedelte er als deutscher Pönitentiär zu St. Peter nach Rom. Diesen Dienst versah er 18 Jahre. Dadurch gewann er Zutritt zu den reichen Archiven der ewigen Stadt und wurde zugleich mit den großen deutschen Theologen und Wissenschaftlern Denifle und Ehrle bekannt. Ihr Rat beeinflusste segensreich sein zukünftiges Schaffen. Im Jahre 1892 veröffentlichte P. Konrad Eubel das „Provinciale Ord. Fratrum Minorum“, von 1898-1904 das „Bullarium Franciscanum“ (= Franziskanische Urkundensammlung), Band V-VII, 1898-1910 die „Hierarchia Catholica medii et recentioris aevi sive Summorum Pontificurri, S. R. E. Cardinalium, ecclesiarum Antistitum series“ (= Die katholische Hierarchie des Mittelalters und der Neuzeit oder die Namenslisten der Päpste, der Kardinäle der hl. römischen Kirche und der Bischöfe der Welt), Bd. I-III, im Jahre 1900 „Die avignonsche Oboedienz der Mendikantenorden“, 1906 „Geschichte der Kölner Minoritenprovinz“, als Jubiläumsschrift im Jahre 1921 „Die 700jährige Niederlassung der Franziskaner-Minoriten zu Würzburg“, wobei er auch auf die gediegene Abhandlung seines Mitbruders Benvenut Stengele „Geschichtliches über das Franziskaner-Minoriten-Kloster in Würzburg“ vom Jahre 1900 zurückgreifen konnte. Es wären noch eine Reihe kleinerer Schriften aus der Feder des P. Konrad Eubel zu nennen. Wegen seiner kirchengeschichtlichen und ordensgeschichtlichen schriftstellerischen Tätigkeit verlieh ihm die Universität Würzburg schon im Jahre 1889 das Ehrendoktorat der Theologie. Vom Orden selbst wurde er mit der Ernennung zum Generaldefinitor geehrt. Seinen Lebensabend verbrachte P. Konrad Eubel im Minoritenkloster Würzburg, in dem er, fast erblindet, im 82. Lebensjahr am 5. Februar 1923 starb.

Das große Standard- und Sammelwerk „Hierarchia Catholica“ aber, das P. Konrad Eubel begonnen hatte, wurde in der Folgezeit weitergeführt. Schon im Jahre 1924 hatte P. Sigismund Brettle den Auftrag erhalten, in Rom die Herausgabe weiterer Bände des „Bullarium Franciscanum“ und der "Hierarchia Catholica“ vorzubereiten. Leider hinderte ihn daran seine Krankheit. Schließlich beauftragte im Jahre 1936 der damalige Ordensgeneral P. Beda Heß den P. Remiglus Ritzler und ferner P. Pirmin Sefrin aus unserer deutschen Ordensprovinz mit der Weiterführung der Arbeiten. Beide konnten dann, von der Unterbrechung des Zweiten Weltkrieges abgesehen, in mühevoller, gemeinsamer Arbeit in den Archiven und bei der Drucklegung die Herausgabe weiterer Bände der „Hierarchia Catholica“ erfolgreich fortsetzen. So erschienen im Jahre 1952 der 5. Band (Zeit von 1667-1730), 1958 der 6. Band (1730-1799) und zuletzt im August 1968 der 7. Band (1800-1846).

Für die Oberdeutsche Minoritenprovinz bedeuteten der Ausgang des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts eine verheißungsvolle Vergrößerung. Im Jahre 1891 konnten nämlich in den oberbayrischen Bergen bei Traunstein das Wallfahrtskloster Maria Eck und im Jahre 1901 in Reisbach a. d. Vils/Niederbayern eine weitere Niederlassung gegründet werden. Somit war die Ordensprovinz mit dem Freiburger Konvent wieder auf sieben Klöster angewachsen.

Den Ersten Weltkrieg, während dessen ein großer Teil des Würzburger Konventes von der Heeresentlassungsstelle belegt worden war, und die anschließenden „Spartakistenaufstände“ überstand das Franziskanerkloster gut. Unter dem Guardianat von P. Ludwig Wedel (1920) hatte der Konvent 14 Patres und elf Brüder. Im Jahre 1924 erwähnt die erste Nummer der neuen „Mitteilungen" der Ordensprovinz 13 Patres, 13 Brüder und drei Brüderkandidaten als Angehörige des Würzburger Klosters. Ferner werden noch drei Professkleriker, vier Novizen und ein Kandidat genannt. Im Jahre 1926 wurde dann das Brüdernoviziat vorübergehend nach Maria Eck und das Klerikat zeitweise wegen Platzmangels nach Freiburg/Schweiz verlegt. Das Klerikernoviziat zog schließlich am 22. August 1932 in die ausgebauten Räume des Dachgeschosses des Klosters Schwarzenberg um.

Auch während des nationalsozialistischen Regimes mit der Überwachung und Bespitzelung des Konventes durch die Gestapo hätte die Ordensprovinz dank des zunehmenden Klerikates der Zukunft ruhig entgegensehen können. Allein der ausgebrochene Zweite Weltkrieg mit den großen Verlusten an eingezogenen jungen Patres, Klerikern, Laienbrüdern und Schülern des Studienseminars zerstörte viele aufkommende Hoffnung.

Die seelsorgliche Tätigkeit der Patres nahm in der Franziskanerkirche selbst, aber auch in der näheren und ferneren Umgebung Würzburgs nach dem Ersten Weltkrieg zu. Schon an der gestiegenen Zahl der Osterbeichten lässt sich dies belegen. Wurden in der österlichen Zeit des Jahres 1924 15000 Beichtzettel ausgegeben, so wurden im folgenden Jahr bereits 19000 gezählt. Im Jahre 1925 betrug die Zahl der in der Franziskanerkirche eingesegneten Ehen 267, Kommunionen wurden 165000 ausgeteilt. Außer an den gewöhnlichen Sonntags- und Festtagsaushilfen beteiligten sich die Patres des Würzburger Franziskanerklosters erfolgreich an der Abhaltung von zahlreichen Volksmissionen und Exerzitienkursen. Die großen Jubiläumsfeiern des 700jährigen Wirkens der Franziskaner-Minoriten in Würzburg (1921), die Gedenkfeiern des 700. Todestages des hl. Franziskus (1926), des hl. Antonius von Padua (1931) und der hl. Elisabeth von Thüringen (1931) wurden festlich unter großer Beteiligung der Gläubigen begangen. Einen großen Aufschwung erlebte in den zwanziger und dreißiger Jahren insbesondere der 3. Orden. Es wurden eigene Jugendgruppen gebildet. Für das Jahr 1925 vermerkt die Würzburger Chronik: „Sieben Männer und 31 Frauen und Jungfrauen wurden in den 3. Orden aufgenommen. Die Mitglieder in der Stadt belaufen sich auf 1500; auf dem Lande haben wir 1800 Mitglieder in 70 Gemeinden.“ Auch die neu gegründete Antonius-Bruderschaft nahm mit dem Jubiläumsjahr 1931 an Bedeutung und Zahl zu. Für die Verbreitung franziskanischen Gedankengutes sorgte die Provinzleitung durch die Gründung der Monatszeitschrift „Franziskus-Glocken“. Sie erschien Januar 1925 zum ersten Mal. Ihr erster Schriftleiter war P. Amandus Meise, den dann im Jahre 1927 P. Ambrosius Hartz ablöste. Der zur Förderung des Missionsgedankens ins Leben gerufene „Missionskreuzzug“ zählte am 1. Januar 1926 in Würzburg 2400 erwachsene Mitglieder und 215 Kinder, ferner 83 Förderer und Förderinnen.

Über dieser im Würzburger Konvent geleisteten seelsorglichen Tätigkeit darf nicht übersehen werden, dass der gesamten Ordensprovinz nach dem Ersten Weltkrieg durch die Angliederung der österreichischen Kustodie neue Aufgaben erwuchsen. 17 Patres und zehn Brüder aus der Oberdeutschen Ordensprovinz wurden damals für das seelsorgliche Wirken der österreichischen Konvente und Pfarreien freigestellt. P. Venantius Kempf wurde außerdem im März 1924 für die Seelsorge der deutschen Katholiken in Posen/Polen, Br. Godfried May und Br. Peter Geissler zur Aushilfe im Oktober 1926 an das Kloster Liverpool/England, ferner Br. Rufin Roth einige Zeit zum Dienst an der Ordenskurie in Rom abgestellt. Dazu kamen die zwei Neugründungen St. Felix in Neustadt/Waldnaab (1925) und in Kaiserslautern, Maria Schutz (1926). Sie erforderten zugleich Neubesetzung mit Patres und Laienbrüdern. Nimmt es wunder, wenn der damalige P. Provinzial in den „Juni-Mitteilungen“ des Jahres 1926 mahnend an seine Mitbrüder schrieb: „Bei der beschränkten Zahl von Religiosen in unserer Provinz werden an Patres und Brüder jetzt manchmal große Anforderungen gestellt. Halten wir aus im Steinbruch des Herrn, bis die Jugend an unsere Stelle tritt. Ich beschwöre alle Mitbrüder, jeder möge an seinem Posten aushalten, sich nicht heißen lassen, sondern selber die Arbeit sehen und angreifen. Das gilt von der Seelsorge und vom Beichtstuhl im besonderen…“

Über all der geleisteten Arbeit der Patres und Brüder im äußeren Aufbau der Minoritenprovinz wurde das, Ziel franziskanischen Ordenslebens, nämlich der erlösende Dienst der inneren Hingabe an Gott, nicht vergessen. Klöster sollen ja Stätten der Gottesverehrung, des Gebetes, der Heiligung und des Apostolates sein. Darin gipfelt auch die Mahnung des P. Provinzials in den „Mitteilungen“ Nr. 6/1927: „Alle in den einzelnen Klöstern übernommenen Frömmigkeitsübungen verdienen die ernstliche Pflege. Nur so werden wir den aus dem Krieg und der Revolution her uns anhaftenden Schäden begegnen… Wir sind es der Kirche, dem Orden und uns selber schuldig; wir dürfen uns nicht begnügen, zu sein wie alle anderen. Wir sind Ordensleute. Der Pfingstgeist soll uns reinigen.“

Ein Vorbild dieser aszetischen, franziskanischen Grundhaltung der Buße, des Gebetes und des Apostolates war P. Franz Vogel, der am 17. Mai 1926, 21.30 Uhr im Franziskanerkloster zu Würzburg nach einer kurzen Krankheit, fast 76jährig, zu Gott heimging. Er starb im Rufe der Heiligkeit; denn er war ganz „Priester und Opfer“ nach dem Vorbild des ewigen Hohenpriesters Jesus Christus. Der Heimgegangene war am 29. August 1850 in Grünstadt/Pfalz als Sohn einer armen, kinderreichen Familie geboren und erhielt in der Taufe den Namen „Michae“. Gott rief den lernbegierigen, stillen Jungen zum Priestertum. Am 17. August 1873 empfing Michael Vogel im Kaiserdom zu Speyer die hl. Priesterweihe. Er wirkte zunächst als Kaplan in Busenberg und Steinfeld.

Eines Tages hörte der junge Kaplan von den Irrwegen eines unglücklichen Priesters. Darüber wurde Michael zutiefst erschüttert. Diese Nachricht ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er will und muss helfen! So bietet er dem Herrn selbst sein eigenes Priesterleben als Sühne für den unglücklichen geistlichen Mitbruder an. Durch das Pfälzer Kloster Oggersheim kannte Michael die Franziskaner-Minoriten. Am 13. September 1877 trat der 27jährige Kaplan zu Würzburg in den Minoritenorden ein und erhielt den Namen „Franzl“.

Vom Jahr 1890 an war P. Franz deutscher Beichtvater in Loreto/ltalien, 1909 bis 1911 Guardian in Schönau, 1912 in Würzburg. Dann verweilte er wieder bis Pfingsten 1915 in Loreto. Von da kehrte er in das Minoritenkloster Würzburg zurück und versah hier die Ämter des Klerikermagisters, des Instruktors der Laienbrüder, war Beichtvater und Bibliothekar.

P. Franz Vogel, körperlich klein und schwächlich, führte ein strenges Gebets-, Buß- und Opferleben in verborgener Stille. Er zeichnete sich durch Armut und Demut, Gehorsam und Abtötung, Geduld im Leiden, Gebet und durch brüderliche Liebe aus. Gewissenhaft und segensvoll versah er insbesondere seinen priesterlichen Dienst als Beichtvater in Loreto und in der Valentinuskapelle zu Würzburg.

9. Das Studienseminar Si. Valentin


In der Sorge für Ordensnachwuchs und die Reich-Gottes-Arbeit gründete die Provinzleitung schon während des Ersten Weltkrieges in den Räumen des Würzburger Franziskanerklosters ein „Studentat“ für Gymnasiasten. Der Würzburger Konvent ertrug nicht nur den Lärm und die Unruhe der Buben, sondern brachte für den Ordensnachwuchs bedeutende Opfer. Unter großen Schwierigkeiten wurden im Jahre 1921 im Dachstuhl des Hauses Umbauten vorgenommen, um dadurch geeigneten Platz für das neu gegründete Knabenseminar St. Valentin zu gewinnen. Studienpräfekt war P. Joseph Ruthig. Im Schuljahr 1924 betrug die Schülerzahl bereits 50. Sie stieg im folgenden Jahr auf 68 und im Jahre 1926 sogar auf 112 Seminaristen, die das Alte Gymnasium besuchten. Die Provinz kaufte daher im Jahre 1925 den benachbarten Schönthalerhof, um der Raumnot abzuhelfen. Da jedoch die Mieter das Haus nicht räumten, konnten die Räume des Schönthalerhofes vorerst noch nicht bezogen werden. Die Schränke mussten im Dachspeicher des Konventgebäudes zusammengerückt werden, damit für das neue Schuljahr 1927 weitere Schüler aufgenommen werden konnten. Ab September 1927 gelang es endlich, einen Teil der Schüler in das umgebaute Studienseminar an der Schönthalstraße umziehen zu lassen. Die Schülerzahl war inzwischen auf 130 gestiegen. Als endlich die letzten Mieter im Jahre 1932 ausgezogen waren, konnte das Studienseminar voll ausgebaut werden. Die Räume des Klosterdachgeschosses wurden nun für das eingeengte Klerikat frei.

Während der nationalsozialistischen Regierung schienen die Verhöre der Schüler im Jahre 1937 durch die Gestapo bereits auf eine beabsichtigte, gewaltsame Schließung des Studienseminars hinzudeuten. Im September 1939 wurden dem Seminar St. Valentin noch 40 Schüler aus dem bischöflichen Knabenseminar des Kilianeums zur Unterbringung zugewiesen. Seit 26. Februar 1940 wurden Erdgeschoß und erster Stock von der Polizei beschlagnahmt. Mit beendetem Schuljahr 1941 wurde dann das Studienseminar St. Valentin - wie alle klösterlichen Schülerheime - durch staatlichen Erlass endgültig geschlossen. Im Keller des Schönthalerhofes richtete sich aber eine Luftwaffen-Spezialabteilung ein.

10. Zusammenbruch und Wiederaufbau - Ausblick


Schon am 3. März 1945, 20.20 Uhr, richtete sich ein feindlicher Luftangriff gegen Kirche, Kloster- und Seminargebäude, die schwer beschädigt, wenn auch noch nicht völlig zerstört wurden. Die Bombennacht am 16. März 1945 verwandelte ganz Würzburg in ein Flammenmeer und in einen Trümmerhaufen. Das Innere der Franziskanerkirche brannte vollkommen aus und verlor in allen drei Schiffen ihr Gewölbe. Zugleich wurde in der Kirche der größte Teil der Bücher der Klosterbibliothek, die seit dem 3. März 1945 dorthin zum Trocknen gebracht worden waren, vernichtet. Von den großen Rundpfeilern der Schiffe überlebten nur die zwei vordersten die Katastrophe. Die Gebäude des Konventes, zum großen Teil von der Wehrmacht belegt, und das Studienseminar St. Valentin fielen den Spreng- und Brandbomben zum Opfer. Was übrig blieb, waren ein formloser Trümmerhaufen und gähnende Außenmauern. Von den Konventsangehörigen selbst war in den Kellern mit ihren starken Gewölben niemand zu Schaden gekommen.

Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen Anfang April 1945 bezogen P. Benvenut, P. Bertram, P. Eustach und Br. Severus als erste die erhaltenen Keller des Studienseminars als Notunterkunft. Da die Valentinuskapelle gerettet worden war, konnte bereits Mitte April dort wieder Gottesdienst abgehalten werden. Wochen und Monate der Schutträumung vergingen, bis schließlich im September/Oktober 1945 die Valentinuskapelle überdacht und bis Dezember 1945 Sakristei und Valentinussaal vom Schutt gesäubert werden konnten. Bereits im Jahre 1946 konnte das erhaltene Gewölbe des Chores ebenfalls überdacht werden. Im Jahre 1947 wurde unter großen Schwierigkeiten und Materialmangel mit dem Aufbau des Klosterostflügels begonnen, so dass nach der Währungsreform des Jahres 1948 die Patres und das Klerikat einen Teil des Hauses beziehen konnten. Nun ging es an den Wiederaufbau der Kirche. Unter Leitung des Diplom-Ingenieurs Gustav Heinzmann war es gelungen, schon vor der Währungsreform aus Stahlrohren, die als Kanonen verarbeitet werden sollten, und aus unbrauchbaren Trägern einer gesprengten Brücke durch die Firma Noell eine Eisenkonstruktion anzufertigen und die Kirche überdachen zu lassen. Der Boden im Inneren der Kirche wurde eingeebnet und ein Notaltar in der überdachten Kirche aufgestellt. Dort feierten dann die Minoriten mit ihrem Diözesanbischof Dr. Julius Döpfner am 15. August 1949 dankbaren Herzens das 700jährige Gedächtnis der Erbauung der Franziskanerkirche. Im folgenden Jahr wurde der Chor der Kirche für den Gottesdienst an den Sonntagen hergerichtet. Gleichzeitig wurde der Dachstuhl des neu gebauten Ostflügels des Klosters für die Aufnahme des wieder gegründeten Seminars St. Valentin ausgebaut. Ein Teil der aufgenommenen Schüler hatte nach dem Krieg im Kloster Schwarzenberg, ein anderer in der Notunterkunft der ehemaligen Seminarkapelle zu Würzburg Notquartier erhalten. Als der in den Garten vorspringende Ostflügel des Konventsgebäudes hergestellt worden war, wurde im Jahre 1952 das Langhaus der Kirche mit den zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln als Hallenkirche ausgebaut. An Stelle der Decke fügte man ein eisernes Gitterwerk ein, das den Blick in den offenen Dachstuhl gestattet. Danach erhielt die Kirche im Jahre 1954 eine Orgeltribüne mit einer kleinen Orgel, die im folgenden Jahr durch eine große Orgel ersetzt wurde. Noch im Jahre 1954 wurde ein neues Chorgestühl im Chor der Kirche aufgestellt. An Stelle des bisherigen Notaltars wurde ein Hochaltar aus Muschelkalk errichtet, der auf der Vorderseite das Relief des Lammes und zweier Hirsche an der Quelle darstellt. Er wurde 1968 im Rahmen der Liturgieerneuerung unter den Triumphbogen der Kirche gesetzt. Der neue Tabernakel des Hochaltars aus der Werkstätte des Goldschmiedemeisters Amberg fand hernach auf dem Antoniusaltar Aufstellung.

Nachdem der Fußboden der Kirche mit Muschelkalkplatten belegt worden war, weihte der Diözesanbischof Dr. Julius Döpfner am 16. Oktober 1954 Altar und Chorraum ein. Der Kirchenmaler Rabolt setzte im Jahre 1955 in die Ostwand des Chores ein bemaltes Fenster, in dessen einzelnen Feldern Ereignisse aus dem Leben der Ordensheiligen und des Kreuzes dargestellt sind. Schließlich wurde dieses Ostfenster im März 1961 um zwei Meter nach unten und mit zwei Bildreihen verlängert. Noch im Jahre 1955 wurden die von der Firma Hugo Hemm gestiftete Kanzel, vom Bildhauer Sonnleitner geschaffen, und die überlebensgroße Statue des hl. Antonius von Padua, von Bildhauer Henn gefertigt, in der Kirche aufgestellt. Schließlich konnte am ersten Adventssonntag die eingebaute elektrische Bankheizung in Betrieb genommen werden.

Nach Abschluss der Verputzer- und Steinmetzarbeiten an der Außenfront der Kirche und des Hauses (1957) wurden bereits in den Jahren 1958/1960 Fundamente, Kelleranlagen und Erdgeschoß des Süd- und Westflügels erstellt und die Warmwasserheizung des Konventes eingerichtet. 1959/1960 wurden die zerstörten nördlichen, südlichen und westlichen Anlagen des Kreuzganges wieder sorgfältig aufgebaut und mit einer offenen Holzbalkendecke in früherer Form überdacht. Auch der beschädigte östliche Kreuzgang wurde stilgerecht renoviert. Dann erfassten die Renovierungsarbeiten die Valentinuskapelle, die 1962/63 mit neuen Beichtstühlen, neuer Beleuchtung, neuem Plattenbelag und Altartisch, neuen Bänken und einem wertvollen Vortragskreuz ausgestattet wurde. In den Jahren 1963/65 kamen Aufbau und Ausstattung des 1. und 2. Stockwerks und des Dachgeschosses im Süd- und Westflügel des Klosters an die Reihe, um für Konvent, Provinzialat, Klerikat und Schwestern mehr Räume zu schaffen. Im Westflügel wurde wie früher die dreigeschossige Klosterbibliothek mit modernen Eisenregalen errichtet. Schließlich wurde nach dem Ausbau der notwendigen Garagen und Gartenhalle, der Kanalisation und der Asphaltierung des Klosterhofs der letzte Bauabschnitt am 19. Juni 1967 mit dem Abbruch des alten, behelfsmäßigen Hauschores, der Sicherung der Gewölbe über der Valentinuskapelle und der Errichtung des jetzigen Hauschores begonnen. Diese Arbeiten konnten bis zum Provinzkapitel im Juli 1968 glücklich beendet werden.

Im Jubiläumsjahr 1971 setzte die Innenrenovierung der Klosterkirche einen vorläufigen Schlusspunkt unter die Geschichte des Wiederaufbaues und der Renovierung von Kirche und Konvent. Diese gewaltigen Aufbauleistungen innerhalb eines Vierteljahrhunderts seit dem Zusammenbruch 1945, unter dem Guardianat von P. Eustach Frei begonnen, fortgeführt unter dem Guardianat von P. Hilarius Breitinger, P. German Heß, P. Benno Heer, P. Faul Meindl und P. Meinrad Sehi, des jetzigen Provinzials, waren nur möglich, weil der Konvent von vielen edlen Freunden, Helfern und Wohltätern des Hauses, vom gläubigen Frankenvolk, den Diözesen, Staat und Stadt finanziell unterstützt wurde. Die gedeihliche Zusammenarbeit von Konvents- und Provinzleitung, die trotz Gründung weiterer Ordensniederlassungen in Schweinfurt (1945), Ratingen (1954), Köln (1954), Bonn (1957), des Wiederaufbaues des Studienseminars St. Valentin in Würzburg (1953/54), des Aufbaues des Spätberufenenseminars in Bamberg (1961), des Wiederaufbaues des niedergebrannten Klosters Schwarzenberg (1960/62), und des Aufbaues des Seminars St. Ludwig in Bonn (1969) die Anliegen des zerstörten Hauptklosters Würzburg nicht vergaß, muss hervorgehoben werden. Schließlich trugen die Bemühungen aller Konventsangehörigen, insbesondere die der Terminbrüder durch ihre unverdrossene Sammeltätigkeit, zum Gelingen des Wiederaufbaues maßgebend bei.

Es lässt sich abschließend für alle Jahrhunderte franziskanischer Wirksamkeit in der Kiliansstadt sagen: Ohne die schlichte Arbeit unserer Laienbrüder, die als Sakristan, Pförtner, Terminbruder, Hausmeister, Koch, Gärtner, Schuster, Schneider, Krankenpfleger und in anderen Bereichen die seelsorgliche Tätigkeit der Patres, insbesondere durch Gebet und Opfer, unterstützten, kann man 750jähriges Wirken der Minderbrüder in Würzburg gar nicht denken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg aber führten die Patres an der Ordenskirche, auf Aushilfen, Volksmissionen, Exerzitien, in Schwesternhäusern, im Studienseminar, durch Predigt, Beichttätigkeit, Unterricht und Krankenseelsorge das franziskanische Apostolat in und an der Welt weiter. Auch in der Gegenwart erfüllt damit das Franziskanerkloster Würzburg die Sendung, den Menschen „Frieden und Heil“ zu bringen.

Im Jubiläumsjahr 1971 zählt der Konvent 18 Patres, 15 Brüder, 5 Kleriker und einen Novizen aus der eigenen Ordensprovinz. Außerdem haben einige Gäste aus anderen europäischen Ländern im wiedererstandenen Franziskanerkloster Würzburg gastliche Aufnahme gefunden.


Ausblick


Was wollte der Rückblick auf die 750jährige Geschichte der Franziskaner-Minoriten in Würzburg an Erkenntnis vermitteln? Der Publizist W. Dirks ist der Meinung, „dass wir ohne wahres geschichtliches Bewusstsein für die Zukunft nicht frei sind“; denn durch das geschichtliche Bewusstsein wird „der Weg, den wir gegangen sind, auf eine neue Weise erhellt“, und es fällt auch „Licht auf die nächsten Stadien des Weges, den wir zu gehen haben“. Die Minderbrüder des hl. Franz müssen darum an der Vergangenheit der Ordensgeschichte eines Konventes ihre Leitideen zur franziskanischen Berufung und Christusnachfolge überprüfen. Franziskanische Wirksamkeit wird auch in Zukunft für das Reich Gottes Segen bedeuten, wenn sie dazu bereit sind, im Geiste des hl. Franz von Assisi das Mindersein und die Brüderlichkeit als Grundform des Christen den Brüdern und Schwestern in der Welt vorzuleben.